Der Kampf gegen die Verschwendung – «Too Good To Go» möchte Essen retten

Die App «Too Good To Go» kämpft gegen Food-Waste an. Das Konzept umzusetzen ist jedoch nicht ganz so einfach.

Vera Minder
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Mit ein paar Klicks zum Essen: Doch wie simpel ist es wirklich?

Mit ein paar Klicks zum Essen: Doch wie simpel ist es wirklich?

Bild: PD

App öffnen, auswählen, bezahlen und abholen: Das Prinzip von «Too Good To Go» ist ganz simpel und entspricht vollkommen dem Zeitgeist. Die dänische App kämpft gegen Food-Waste.

Die App in der Coronakrise

Da die Massnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie Unternehmen hart treffen, haben die Betreiber von «Too Good To Go» ein zusätzliches Non-Profit-Projekt unter dem Namen «WeCare» ins Leben gerufen. Während der Ausnahmesituation können über die App nun auch Mahlzeiten aus dem regulären Angebot der Geschäfte, also zum Originalpreis, gekauft werden. Die bargeldlose Take-away-Option wird eingeführt, um die lokalen Unternehmen zu unterstützen. Bezahlt wird über die App, bevor das Essen abgeholt wird. Das normale Angebot der App ist momentan wegen der geschlossenen Cafés und Restaurants beschränkt. (vem)

Und die Schweiz kämpft mit. Knapp 830'000 Nutzer hat die App hierzulande, etwa 2500 Betriebe arbeiten mit. Die Geschäfte können auf der App übrig gebliebene Esswaren anbieten, die Nutzer bezahlen und holen die Lebensmittel im angegeben Zeitfenster vor Ort ab.

Pro Mahlzeit 2,5 Kilogram CO2 einsparen

Kosten tut das viel weniger als normal und die Betriebe verkaufen ihre Waren trotzdem noch, anstatt sie einfach wegzuschmeissen. Und da auch weggeworfene Esswaren durch Transport, Produktion und benötigte Ressourcen einen bedeutenden ökologischen Fussabdruck vorweisen, können pro gerettete Mahlzeit bis zu 2,5 Kilogramm CO2 eingespart werden. Die Umwelt dankt also auch. Eine Win-win-win-Situation, könnte man meinen. Doch ist das Konzept so einfach umzusetzen?

Wie funktioniert die App?

«To Good To Go» kann in allen geläufigen App-Stores runtergeladen werden. Nach einer kurzen Anmeldung kann man durch die Angebote scrollen. Je nach Belieben kann zwischen Vorschlägen, Listen und einer Karte der verfügbaren Partnergeschäften gewechselt werden. Mit Filtern kann man die Angebote auf die gewünschte Mahlzeit reduzieren. Die Angebote geben Abholzeit, Ort, Preis und eine kurze Beschreibung der Mahlzeit an. Ist man mit der Auswahl zufrieden, klickt man auf reservieren. Bezahlen tut man sofort über die App. Ist es so weit, zeigt man der Bedienung die Meldung auf der App – und schon bekommt man sein Essen. (vem)


Der schweizerische Konsumentenschutz lobt die App für die sinnvolle und zeitgemässe Idee – und hat doch Bedenken: «Als Userin oder User der App muss man zeitlich flexibel sein und besondere Ernährungsweisen oder Abneigungen können nur beschränkt berücksichtigt werden, da es in der Regel Überraschungspakete sind. Dadurch kann es auch vorkommen, dass die abgeholten Mahlzeiten nicht immer gerettet, sondern zum Teil halt trotzdem weggeschüttet werden», nimmt Josianne Walpen, Leiterin Ernährung und Mobilität, auf Anfrage Stellung.

Ein Risiko sieht der Konsumentenschutz auch darin, dass die Anbieter weniger genau kalkulieren und es auf überzählige Mahlzeiten ankommen lassen, weil ihnen immer noch der Verkauf durch die App möglich ist.

Zusammenarbeit und Rückmeldungen

Larissa Gerhard, Marketing-Spezialistin «Too Good To Go»

Larissa Gerhard, Marketing-Spezialistin «Too Good To Go»

Bild: PD

Es stellt sich also die Frage, wie die App-Betreiber überprüfen, dass die Betriebe nicht gegen das Grundkonzept verstossen. Larissa Gerhard, Marketing-Spezialistin bei «Too Good To Go», erklärt: «Wir pflegen einen engen Kontakt mit den Betrieben. Uns ist der Austausch wichtig, damit, wenn nötig, Anpassungen gemacht werden können.» Zudem würden die Nutzer die Rückmeldungsfunktion rege nutzen.

Um ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis zu gewährleisten, hätten die Betreiber eine Faustregel aufgestellt: Die Überraschungsportion kostet in der Regel rund einen Drittel des Originalpreises. Was im Paket landet, könne aber nicht im Vornherein zu wissen sein. Sie erklärt:

«Das ist das Prinzip von Food-Waste: Man kann nicht genau kalkulieren, was am Ende des Tages übrig bleibt.»

Der Nutzer weiss, dass er das Risiko eingeht, etwas im Paket nicht gern zu haben. «Aber das ist ja auch der Reiz daran. Man rettet wirklich Essen, das sonst in den Müll gewandert wäre.»

Überproduktion lohnt sich nicht

Die Gefahr, dass Betriebe das Konzept ausnutzen und zur Überproduktion neigen, schätzt sie eher gering ein. «Es lohnt sich nicht», sagt sie. Die Einnahmen durch «Too Good To Go» würden höchstens die Selbstkosten decken.

Es liegt in der Verantwortung der Geschäfte, dass die Kommunikation innerhalb des Betriebes funktioniert und die App-Nutzer am Ende des Tages für die Abholung auch tatsächlich erwartet werden. «Wir unterstützen die Betriebe dabei und das Abholzeitfenster kann auch jederzeit aktualisiert werden», erklärt Gerhard.

Sollten aber trotzdem Probleme auftreten und der Nutzer würde nicht zu seinen schon bezahlten Esswaren kommen, kann er das über die App melden. Der Sachverhalt würde dann mit dem Geschäft besprochen werden. «Customer-Support-Anfragen werden so schnell wie möglich und während Arbeitstagen innerhalb von 24 Stunden bearbeitet und beantwortet», sagt Gerhard.

Die Probleme sind technischer Natur

Larissa Fehr, Inhaberin des «Botti».

Larissa Fehr, Inhaberin des «Botti».

Bild: Vera Minder

Doch lassen sich Probleme in der Praxis wirklich einfach lösen? Larissa Fehr von der Bäckerei-Konditorei und Café Botti in Sirnach findet, es sei nicht ganz so problemlos. Was sich als schwierig herausgestellt habe, sei die Kommunikation innerhalb des Betriebes, sagt sie. Als Inhaberin habe sie die Kontrolle über die App, arbeite allerdings zeitlich nicht mehr, wenn die Nutzer kommen. Während der Aufgaben durch den Tag immer noch ein Auge auf die App zu haben und die Informationen den richtigen Angestellten dann auch korrekt zu übermitteln, sei nicht so einfach.

Oft hätten sie auch technische Probleme mit den Nutzern. Für die Benutzung der App muss auf das Internet zugegriffen werden können, oft kommen Leute mit Bildschirmaufnahmen der Bestellung, welche nicht gütig seien.

Kein Wunschkonzert

Auf Vorlieben und spezielle Ernährungsweisen achten sie meist nicht. «Je nach Grösse des Betriebs kann man die Ware vielleicht auswählen oder zumindest austauschen, aber bei uns ist das schwierig. Wir müssen eine Toleranzgrenze ziehen, sonst kann jeder kommen und etwas Bestimmtes verlangen. Ein Wunschkonzert können wir uns nicht leisten.»

Seit Januar 2019 arbeiten sie mit der App, als eines der ersten Geschäfte der Region. Dass die App-Betreiber für jeden Betrieb eine Ansprechperson stellen, die immer offene Ohren für anfällige Schwierigkeiten habe, erleichtere die Zusammenarbeit aber um einiges.

Neue Anbieter in der Region

In den letzten Monaten hat die App immer mehr an Bekanntheit gewonnen. Auch in der Region arbeiten nun viele neue Geschäfte damit.

Im Fürstenland beispielsweise die Bio-Bäckerei Lehmann in Wil, das Seminarhotel Kloster Fischingen, das Café Stalder in Uzwil, verschiedene Angebote der Migros in und um Wil, das Café Littenheid in Sirnach, der Top CC Zuzwil und viele mehr. Im Toggeburg mit dabei sind unter anderem die Metzgerei Metzger in Nesslau, der Spar in Ebnat-Kappel, der Agrola Shop in Bazenheid und der Volg in Kirchberg. Mehr Standorte können direkt auf der App gefunden werden. (vem)


Es bleibt immer was übrig

Übrig haben sie immer genug. «Unser Betrieb würde nicht funktionieren, wenn wir nicht zu viel produzieren würden. Das ist traurig, aber in unserer Gesellschaft geht es nicht anders», erklärt sie. Darum könne sie auch schon für den nächsten Tag Waren anbieten. Und falls sich doch etwas ändern würde, könne das Angebot via App ganz einfach aktualisiert werden. Es sei nicht an jedem Tag das Gleiche im Paket, doch der Wert der Ware bleibe immer gleich.

Dass jemand das Konzept ausnutzt, um mehr Einnahmen zu machen, kann sie sich nicht vorstellen.

«Uns war es ein Anliegen, gegen Food-Waste vorzugehen, darum haben wir überhaupt erst angefangen.»

Wie viel man von den kleinen Schwierigkeiten aber merkt, können nur die Nutzer sagen: die Konsumenten. Und die sind zufrieden. Kaum ist es Viertel vor sechs – Abholzeit im «Botti» – strömen sie herein, alle auf einmal, die meisten bringen sogar einen eigenen Sack zum Einpacken mit.

Kunden sind zufrieden

Vor knapp einem Monat habe er die App durch seinen Sohn entdeckt, erzählt ein Mann. Seitdem benutze er es ein- bis zweimal pro Woche an verschiedenen Orten. Probleme habe er noch nie gehabt. «Ich wurde immer erwartet, Preis/Leistung war top und einmal durfte ich sogar auswählen, was ich haben möchte.» Ein junges Paar bestätigt: «Was wir bekommen haben, hat uns bis jetzt immer positiv überrascht.» Vorgekommen sei es schon, dass sie den Inhalt des Pakets nicht so gern gehabt hätten, erzählen sie. Aber sie haben die Mahlzeit dann einfach an Familienmitglieder verteilt, weggeworfen wurde trotzdem nichts.

Die App ist also unkompliziert, die Organisation in den Betrieben weniger. Aber alle Beteiligten sind sich einig: Das Konzept hält, was es verspricht.

Migros nur in Wil

Wer die Karte auf der App anschaut, dem fällt auf: Im Fürstenland nimmt die Migros am Projekt teil, im Toggenburg ist sie nicht auffindbar. Auf Anfrage nimmt Andreas Bühler von der Migros Ostschweiz Stellung: «Die Migros arbeitet seit Anfang Februar 2020 schweizweit mit «Too Good To Go» zusammen. Um erste Erfahrungen zu sammeln, haben wir das Angebot vorerst in rund 25 Filialen in der Ostschweiz eingeführt, unter anderem in Wil.» Sollte das Fazit positiv sein, würden schrittweise Ausweitungen auf weitere Verkaufsstellen gemacht werden. Zu konkreten Standorten und Terminen könnten noch keine Aussagen gemacht werden. (vem)