Der Kälbchen-Macher

WÄNGI. Wenn Marco Müller von seinem Berufsalltag erzählt, rümpfen die Leute die Nase und finden: «Da isch doch grusig.» Der 25-Jährige aus Schönholzerswilen ist Besamer und sorgt im ganzen Kanton für Kuhnachwuchs. «mostindia» hat ihn begleitet.

Stephanie Martina
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Ottawa frisst, als sei nichts aussergewöhnlich. Die schwarzweiss gescheckte Kuh kaut und kaut, während sie mit ihren treuen Augen aus dem Stall hinausblickt. Sie frisst und lässt sich von dem, was an ihrem anderen Ende vor sich geht, nicht aus der Ruhe bringen. An ihrem Hinterteil ist Besamer Marco Müller dabei, die künstliche Besamung vorzunehmen, Bauer Ueli unterstützt ihn dabei. Marco ist einer von sieben Swissgenetics-Besamungstechnikern der Gruppe Thurgau, die für den Kanton zuständig sind. «Viele finden meinen Beruf grusig. Andere wiederum sind interessiert, manche sogar fasziniert und möchten alles genau erklärt bekommen», sagt der 25-Jährige aus Schönholzerswilen (siehe Kasten links).

Im Hinterthurgau unterwegs

An diesem Sommernachmittag ist Marco im Hinterthurgau unterwegs. Nach einer kurzen Autofahrt erreicht Marco den nächsten Hof. Sofort geht er in den Stall, um einen Blick in den Ordner zu werfen, in dem der Bauer jeweils seinen Auftrag notiert. Kuh Tabea soll gedeckt werden. Auch der Name des Stiers, von welchem das Sperma stammen soll, hat der Landwirt vermerkt. Stier Present kommt zum Zug. Marco öffnet den Behälter, in dem die Spermien von rund 200 Stieren im Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius gelagert sind. Er zückt das richtige Stäbchen, zieht sich seine grüne Schürze über und geht mit einem langen Plastikhandschuh Richtung Stall, wo Kuh Tabea bereits wartet. Auch Tabea lässt den kaum zwei Minuten dauernden Vorgang unbeirrt über sich ergehen. Sie scheint sich mehr an den lästigen Fliegen als an Marco zu stören. Doch nicht alle Kühe seien so friedlich wie Ottawa und Tabea. Es sei auch schon vorgekommen, dass eine Kuh ausgeschlagen und ihn am Oberschenkel getroffen habe. Aber das sei die Ausnahme.

Inzwischen übt Marco den Beruf seit zweieinhalb Jahren aus und kennt einen Grossteil der Thurgauer Bauern. «Es ist schön, wenn man ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Landwirten aufbauen kann und weiss, wen man auch mal hochnehmen darf», sagt er. Vor allem die Bauern, die etwas abgelegen leben würden und nicht täglich andere Leute zu sehen bekämen, hätten Freude an einem kurzen Gespräch.

Kuh Anastasia und Stier Daniel

Auf dem nächsten Hof wartet Kuh Anastasia. «Die Dame ist bereits 15jährig. Aber körperlich noch völlig fit», erklärt Bauer Ernst. Diesmal soll sie mit dem Samen von Stier Daniel gedeckt werden. Die Kosten für eine Deckung variieren stark. Der Preis für eine Fleischrassen-Dose (Mast) inklusive Anfahrt und Übertragung beträgt zwischen 40 bis 50 Franken. Sperma für die Zucht kostet 50 bis 80 Franken. «Und etwas teurer ist das gesexte Sperma, das nach dem X- und Y- Chromosom getrennt wurde. Bei diesem kann der Bauer mit über 90prozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass das Jungtier das gewünschte Geschlecht haben wird.» Die Preisunterschiede würden in Zusammenhang mit den vererblichen Qualitäten der Zuchtbullen stehen.

Während bisher alle Bauern vermerkt hatten, von welchem Stier ihre Kuh gedeckt werden soll, überlässt der nächste Landwirt und Besitzer der Kuh namens Anni Marco die Wahl. «Das macht den Beruf um einiges interessanter. Es ist schön, wenn ein Bauer mir so viel Vertrauen schenkt und mir die Stierwahl überlässt», sagt Marco, während er einen Katalog mit der Aufschrift «Toro Spezial 12/13» hervorholt. Darin sind alle Stiere aufgeführt, die Swissgenetics als Zuchtbullen hält (siehe Kasten rechts). Die Qualitäten von rund 200 Tieren sind einzeln in Form eines Steckbriefs dargestellt. Besonders wichtige Kennzahlen sind die Zuchtwerte Milch und Inhaltsstoffe, der Körperbau der Töchterkühe wie etwa die Form der Beine und die Qualität der Euter.

Ein zweiter Versuch

Noch ein letzter Hof in Münchwilen steht auf Marcos Liste. «Hallo Besamer» steht auf einem Zettel im Stall. Doch bevor Marco lesen kann, was sein Auftrag sein wird, erscheint schon die Bäuerin und erklärt ihm, welche Kuh gedeckt werden soll. «Wir versuchen es nochmals bei Rosa, letztes Mal hat es nicht geklappt», sagt sie. Das könne viele Gründe haben, erklärt Marco. Denn es müssten, wie auch beim Menschen, viele Faktoren zusammenpassen. «Nur an der Samenqualität kann es nicht liegen», betont er. Denn das werde streng kontrolliert und getestet. Seine Erfolgsquote liege bei über 70 Prozent. «Damit liege ich im Durchschnitt. Sollte meine Quote unter einen bestimmten Wert sinken, würde mich ein ausgebildeter Tierarzt von Swissgenetics begleiten, um zu sehen, woran es liegt.»

Nun hat er fürs erste Feierabend. Doch daheim, auf dem Hof seiner Eltern, wartet bereits eine Ladung Heu, die er einbringen muss. «In ein paar Jahren werde ich den Hof übernehmen. Jedoch werde ich nach Möglichkeit auch dann noch als Besamer arbeiten», plant er. Doch vor allem jetzt geniesse er seinen Beruf. «Auf diese Weise kann ich viele Erfahrungen sammeln, weil ich täglich rund 25 verschiedene Höfe zu sehen bekomme. Da sieht man immer wieder gute Ideen, die man dann zu Hause übernimmt.» Auch auf seinem Hof kümmert sich Marco um die Besamungen. Früher habe er sich immer gefreut, wenn ein Besamer auf den Hof kam. «Das war etwas Besonderes, und ich schaute ihm jeweils fasziniert bei seiner Arbeit zu», erinnert sich Marco, der heute selbst zur Faszination vieler Kinder geworden ist.