Der Journalist, der Grenzen abschritt

Der «B'Treff» Flawil lud zum Bildungsanlass. Kaspar Surber, St. Galler Journalist und Buchautor, berichtete von der Entstehung seines Buches zur Asyldebatte.

Pablo Rohner
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FLAWIL. Lampedusa, irgendwann im Jahr 2011. Kaspar Surber ist auf Recherchereise für sein Buch «An Europas Grenzen». Auf der italienischen Vorposteninsel, nicht länger als die Strecke Wil-Kirchberg, leben 5000 Einheimische. Dazu kommen zum Zeitpunkt von Surbers Reise 2500 Flüchtlinge, 500 Carabinieri und 50 Journalisten. Surber steht an der staubigen Hauptstrasse und spricht mit nordafrikanischen Flüchtlingen. «Ist das ein iPhone 3 oder ein iPhone 4?», fragt einer, als Surber ein Foto schiesst.

Das gute Leben

«Flüchtlinge werden in der Schweiz oft als etwas Fremdes dargestellt», sagt Surber am Mittwoch im Flawiler Zwinglisaal. «Aber die meisten haben die gleichen Vorstellungen vom guten Leben wie wir.» Die Gründe, ihr Land zu verlassen seien vielgestaltig. Religiöse und politische Verfolgung seien vielerorts real und viele träumten davon, in einer westlichen Konsumgesellschaft zu leben. Er zieht den Vergleich zu europäischen Altersgenossen, die nach dem Schulabschluss nach New York oder Berlin reisen.

Im Gegensatz zu ihnen, fehlt den Gestrandeten das Recht, das uns der rote Pass garantiert: das Recht zu reisen.

«Nicht wahnsinnig viel»

Die Schweizer Asyldebatte sei von einer Binnenperspektive geprägt, sagt Surber. Anhand von Migrationskarten und Zahlen ordnet er Statistiken ein, mit denen im Abstimmungskampf gegen Arbeitsmigranten und Flüchtlinge oft gleichermassen Stimmung gemacht wird: Über 80 Prozent der Flüchtlinge aus Nahost und Afrika werden von den Nachbarn der Krisenländer aufgenommen, über 20 000 sind bisher vor Lampedusa ertrunken und 60 000 seien «nicht wahnsinnig viel». So viele sind seit 2011 im Zug des Arabischen Frühlings an die Schweizer Grenzen gelangt. Surber spannt den Bogen von den Mühlen der europäischen Migrationspolitik zu den griechischen Neofaschisten, die im Parlament des Grenzlandes etwa so stark geworden sind, wie die Grünliberalen in der Bundesversammlung. Und er erklärt, wie sie Kraft schöpften aus Wirtschafts-krise und Flüchtlingsstaus. Er berichtet von einem Flüchtlingsprozess am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg und wie das Asylrecht immer wieder erkämpft werden müsse. Und von der Rüstungsindustrie, für die Europas Grenzen ein Experimentierfeld für Überwachungstechnik sind – von Wärmebildkameras bis hin zu Drohnenflügen.

«Etwas weniger ängstlich»

Nach dem Vortrag diskutiert Surber mit der Zuhörerschaft die drohende Verschärfung des Asylgesetzes und anstehende Überfremdungsinitiativen. Oft seien Flüchtlinge nur Projektionsfläche für Ängste, erzeugt durch den wirtschaftlichen Druck unter dem die Menschen auch in der Schweiz stünden. Auf die Frage, was man tun könnte, um das Klima um die Asyldebatte zu entgiften, antwortet Surber: «Vielleicht sollte man einfach etwas weniger ängstlich durchs Leben gehen.»