Der hohe Wert von 5-Franken-Jobs

FLAWIL. Arbeit bedeutet nicht nur Broterwerb, sondern Selbstverwirklichung, Bestätigung und soziale Zugehörigkeit. Mit seiner Stiftung Tosam bietet Martin Grob 250 Menschen einen Arbeitsplatz, die im ersten Arbeitsmarkt kaum Chancen haben.

Andrea Häusler
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Immer in Bewegung: Martin Grob, Gründer und Geschäftsleiter der Stiftung Tosam. (Bild: Andrea Häusler)

Immer in Bewegung: Martin Grob, Gründer und Geschäftsleiter der Stiftung Tosam. (Bild: Andrea Häusler)

«Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche.» Was Franz von Assisi nahe- legte, hat Martin Grob beherzigt. Auf Einladung des Treffs 60 plus referierte der 60jährige Kaufmann und Sozialarbeiter in Flawil über sein Lebenswerk: die Stiftung Tosam. Aus dem Nichts hat Grob in den vergangenen dreissig Jahren ein Netzwerk von realen und virtuellen Verkaufs- und Dienstleistungsbetrieben aufgebaut, die allesamt auf eine berufliche Integration benachteiligter oder stellensuchender Menschen mit reduzierten Chancen im ersten Arbeitsmarkt zielen.

Dabei wollte er eigentlich nur weg von der Jugendarbeit und hin zur Natur, als er Anfang der 80er-Jahre den Hof Baldenwil in Schachen bei Herisau kaufte. Ohne einen Franken eigenes Geld, dafür voller Visionen und viel Enthusiasmus. Denen bald die Ernüchterung folgte. Grob war ein «Bauer» ohne Ahnung, ohne Anspruch auf finanzielle Unterstützung und ohne Vieh.

5 Franken Stundenlohn

Nur gehört er nicht zu jenen, die den Kopf in den Sand stecken, vor Schwierigkeiten kapitulieren – im Gegenteil. Die Fähigkeit, aller Widerstände zum Trotz an Ideen festzuhalten und Projekt umzusetzen, hat ihm damals – mit der Gründung einer Therapeutischen Wohngruppe – die Existenz gesichert. Später ermöglichte sie erst das schrittweise Wachstum der Stiftung Tosam als sozialtherapeutische Einrichtung. Heute verdanken der Stiftung 250 Menschen einen Arbeitsplatz. Bescheidene fünf Franken erhalten die Mitarbeitenden pro Stunde. Davon leben können sie nicht, aber persönlich profitieren.

Brockenhäuser im Wandel

Zwar hat die Stiftung ihren Sitz, ein Brockenhaus, eine Recyclingstelle, die Projekte WinVita und WinVelo sowie die Gartengruppe in Herisau. Und sie betreibt mit dem Buch-WinWin-Laden ein Geschäft in Gossau. Die Brockenhäuser in Flawil und Degersheim (inkl. easydrive) haben jedoch – mit Budgets von 800 000 Franken bzw. 1 Mio. Franken – eine gewichtige Bedeutung in der Finanzierung, aber auch der Bereitstellung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Vergangenes Jahr, sagt Martin Grob, habe Flawil einen Ertragsüberschuss von 24 000 Franken ausgewiesen, Degersheim einen von 44 000 Franken. Wobei in den Vorjahren Verluste erzielt worden seien. «Die Rechnung muss Null auf Null aufgehen», sagt Grob. Obschon die Verkaufszahlen in Degersheim leicht steigend und in Flawil nur minimal rückläufig sind, ist die Eröffnung weiterer Brockenhäuser für ihn kein Thema.

Die Zeit hat geändert. Online-Verkaufsplattformen für Gebrauchtwaren wie eBay oder Ricardo konkurrenzieren die Brockenstuben. Vor allem bei den Möbel habe die Preisentwicklung nach unten zu einer geringeren Nachfrage im Secondhand-Bereich geführt. Grob geht deshalb mit seiner Stiftung vermehrt selber online. Buchplanet.ch, betreut in Flawil, sei sehr gut nachgefragt. Und kartenplanet. ch – ein Onlineshop für Ansichtskarten – habe Potenzial. «Bis August soll das Sortiment 8000 Grusskarten umfassen.»

Rentenalter als Schlusspunkt

Martin Grob will just zum Zeitpunkt seiner Pensionierung in Rente gehen und seinen Arbeitsplatz freigeben. Das ist ihm wichtig. Wenngleich er die Geschäfte der Stiftung nach wie vor mit Herzblut führt und Projekte zuhauf in seinem Hinterkopf schlummern. Eine zweite Gartengruppe sei ein ausgewiesenes Bedürfnis, sagt er. Auch könnte er sich vorstellen, den Dorfladen in Schwellbrunn zu betreiben und so vor der Schliessung zu bewahren; oder gemeinsam mit Migros Ostschweiz eine Filiale zu führen. Über weitere Ideen mag er (noch) nicht sprechen. Erst recht nicht über die erlebten Rückschläge – die privaten und geschäftlichen. Martin Grobs Fokus ist stets nach vorn gerichtet. Auf seine uneigennützige Arbeit, in deren Zentrum der Mensch und dessen positive Eigenschaften stehen, wie dies Franz von Assisi in seinem «Siebenfachen Pfad» – dem Leitfaden Grobs – beschreibt. Und wenn die Zeit bis zur Pensionierung nicht ausreicht: «Dann mache ich weiter, nicht als Angestellter, aber als Freiwilliger.»