Der Herr der Eisenbahn

Friedrich Sommers Dachstock in seinem Haus in Mogelsberg ist heilig; in ihm befinden sich über 780 Modelleisenbahnwaggons von 14 verschiedenen Fabrikanten und über 500 Meter Gleise.

Melanie Graf
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Bei Anruf freie Fahrt – Friedrich Sommer steuert seine Eisenbahn übers Telefon. (Bild: Melanie Graf)

Bei Anruf freie Fahrt – Friedrich Sommer steuert seine Eisenbahn übers Telefon. (Bild: Melanie Graf)

mogelsberg. Es scheint fast so, als habe er seinen Besuch vergessen. Friedrich Sommer ist vor ein paar Minuten unter dem Trassee in eine Nische gekrochen. Nun behebt er eine Fahrleitungsstörung. Man hört ihn mit den Waggons sprechen, er sagt, es werde schon wieder. Dann kriecht der 72-Jährige wieder unter dem Trassee hervor und lässt, mit einem Knopfdruck auf dem Schaltpult, den Zug in Richtung Tessin weiterrollen.

Er sieht die Züge vorbeirollen, sieht auf Bahnhöfe und Abstellgeleise, auf Tunnels, Berge und Häuslein und hört das Kirchlein läuten. Er sieht auf sein Lebenswerk und steht mittendrin – zwischen der Gotthard Nord- und der Gotthard Südrampe.

Führerstandsfahrt dank Kamera

Sommer ist Herr über 780 Modelleisenbahnwaggons von 14 verschiedenen Fabrikanten und über 500 Meter Gleisen.

Im Dachstock seines Hauses an der Dorfstrasse in Mogelsberg hat er sich über viele Jahre hinweg dem Bau der Gotthardbahn und einer Phantasie-Strecke hingegeben. Beim Ausbau der Bahn hat er auch nicht vor seiner Terrasse halt gemacht. Die Strecke führt durch ein Loch in der Wand nach draussen, Schattenbahnhöfe und Kehrmöglichkeiten befinden sich in Nischen, Gleise führen unter der Treppe und hinter Wänden durch. Er habe im Jahr 1953 mit seinem Hobby angefangen, sagt er.

Damals sei er mit seinem Motorrad, einem 600er-BMW, der Strecke entlanggefahren und habe die Bahnhöfe vermessen. Sein Werk sei jedoch immer noch nicht fertig, es gäbe immer etwas zu tun, sagt er. «Es ist wie ein Fass ohne Boden, und Langeweile kenne ich nicht.» «Ich habe Elektriker gelernt», verrät Sommer. Lokführer wäre nicht der richtige Job für ihn gewesen. Er begründet: «Ich wäre zu fanatisch gewesen.

» Eine echte Führerstandsfahrt durfte er dank seinem Hobby und guten Beziehungen erleben. «Und mit einer RE66, einer Hochleistungslokomotive bin ich auch schon im Depot herumgefahren», schwärmt Sommer. Eines seiner Lokomotivmodelle trägt eine Kamera. Ein kleiner, am Schaltpult befestigter Bildschirm bietet den Blick aus dem Führerstand.

Ein Stockwerk unter dem Dachboden ist die gesamte Elektronik, Steuerung und die Überwachungsanlage in einem Einbauschrank untergebracht. Störungen auf den Gleisen oder sonst im Betrieb werden darin mit aufleuchtenden Lämpchen angezeigt und auf das Telefon auf Sommers Schaltpult umgeleitet. Per Telefonanruf ist es Sommer auch möglich, die Akustik, das Licht, die Signale und die Züge selbst zu steuern. Das Telefon auf seinem Schaltpult klingelt. «So, jetzt gucken wir mal, was los ist», sagt er und nimmt den Anruf entgegen.

Sommer geht mit gezielten Schritten zur Problemstelle. Ein Zug hängt fest. «Die Waggons haben schon viele Kilometer gemacht, da kann das schon mal vorkommen.»

Nerven wie Drahtseile

Es klickt überall, Züge rauschen über die Gleise, Sommer steht wieder am Schaltpult, «telefoniert» und steuert. Vom Besuch lässt er sich überhaupt nicht stören. Sommer ist es gewohnt, das ihm jemand zusieht wie er seine Modelleisenbahn bedient. Er empfängt oft Besucher. Viele Vereine, Familien, Modelleisenbahnfreunde waren in seinem Haus zu Gast.

«Manchmal komme ich mir wirklich vor wie ein Dompteur», sagt Sommer und lacht dabei herzlich. Er nimmt sich Zeit für seine Modelleisenbahn. Es dauert schliesslich seine Zeit, bis der Zug von der Innerschweiz ins Tessin gefahren ist. Unten in der Wohnung wartet nur «Hännesli», der Kater. Die Katze hat Dachstock-Verbot. Das Telefon klingelt erneut.

«Eine Modelleisenbahn braucht Nerven wie Drahtseile, bei einer Panne darf man auf keinen Fall wütend werden», sagt der Eisenbahnfan und kriecht wieder unter einem Trassee in die Nische.