Der Heldenstatus bröckelt

England, man schrieb das Jahr 1962, eine neue Band erblickte das Licht des Rock 'n' Roll-Universums, das ja selbst erst in den Kinderschuhen steckte. Die Beatles waren schon da, jetzt kamen die Animals.

Michael Hug
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Keyboarder Mick «Mickey» Gallagher prägte viele der Animals-Hits der Siebzigerjahre. (Bild: Michael Hug)

Keyboarder Mick «Mickey» Gallagher prägte viele der Animals-Hits der Siebzigerjahre. (Bild: Michael Hug)

England, man schrieb das Jahr 1962, eine neue Band erblickte das Licht des Rock 'n' Roll-Universums, das ja selbst erst in den Kinderschuhen steckte. Die Beatles waren schon da, jetzt kamen die Animals. Mit dem ersten auf Platte gebannten Song, «Baby Let Me Take You Home» (Bob Dylan), klappte es noch nicht so recht, dafür schlug der zweite umso mehr ein: «The House of the Rising Sun». Er schnellte im Sommer '64 in England und zwei Monate später auch in den USA auf Platz eins der Hitparaden – allein, es blieb der einzige US-Nummer-eins-Hit der 1965 schon wieder zerbröckelnden Band. Den Erfolg schrieb man ganz den noch jungen Animals und ihrem Frontmann Eric Burdon zu. Manchen Fans ist auch heute noch nicht bewusst, dass der aus dem Süden stammende Folk-Song noch viel älter war als die Interpreten und von diesen «nur» gecovert (und um die derbsten Textstellen beraubt) wurde.

Zwei kehrten zurück

Einer, der damals dabei war, ist John Steel. Einer, der mit einem Fuss schon in der Band stand, war Mick Gallagher. Der Schlagzeuger und der Keyboarder, 72 der eine, 68 der andere, besuchten am Samstagabend den Gare de Lion in Wil. Drei Jahre, nachdem die beiden als «Animals & Friends» die Bluesfabrik in Münchwilen beehrt hatten – und nur auf eine kleine Fanschaft stiessen –, also wieder in der Gegend. Und wieder war das Publikumsinteresse mit rund 250 Eintritten durchzogen, gemessen am einstigen Ruhm. Diesem Ruhm wollen die zwei Ur-Animals wohl noch so lange Ehre gebieten, bis auch sie müde ins Grab fallen. Den Power, die Frische, die Leichtigkeit, die Musikalität dazu besitzen Steel und Gallagher immer noch – doch scheint fraglich, ob die Fans auch im nächsten Jahr kommen, wenn «The House of the Rising Sun» in der entschärften Version der Animals 50 Jahre alt wird.

Ziemlich divergentes Bild

Im Line-up des Auftritts am Samstag stand vorne als Sänger und Gitarrist der vergleichsweise junge und unbekannte Danny Handley (38). Neben ihm am Bass ein um Grössenordnungen bekannteres Gesicht: Steve Grant (55), der auch mal bei den «Sweet» tätig war. Zusammen bildeten die vier ein optisch ziemlich divergentes Bild. Auch akustisch überzeugte das zusammengewürfelte Quartett fast eine Stunde lang nicht. Doch vom zähen Stimmungsaufbau im Publikum liessen sich die Altmusiker und der junge, stimmlich eindrucksvolle Sänger nicht beeindrucken. Mit ein paar Songs aus dem grossen Fundus des Rock 'n' Roll und den bekannten Animals-Klassikern «We gotta get out of this Place», «Boom Boom» oder «CC Rider» kam der Stimmungsumschwung.

Ersehntes Highlght

Nun blieb nur noch ein Song – der Song. Doch Danny Handley machte es noch einmal spannend: Er sagte Gute Nacht, das war's! Das Publikum war gefordert. Und es forderte eminent die Zugabe, zwei gab's dann auch, die zweite war dann endlich das 90 Minuten lang erwartete, erduldete, ersehnte Highlight des Abends, der Animals-Hit schlechthin, das vom Bordell-Song im ?/4-Takt zur Flower-Power-Hymne im ?/8-Takt mutierte Volkslied, von dem man den Text fast auswendig kann, wenigstens die Einleitung: «There is, a house, in New Orleans…». Nun waren sie endlich vereint, die Band und das Publikum, vergessen die anfängliche Zähigkeit, vergessen das Bild auf der Bühne, das nun unwiederbringlich nicht mehr dem von einst entspricht. Doch dann fiel der Vorhang, der Spuk war vorbei, die Animals weg.