Der Grossmeister aus Wil:  Jürg Ziegler lebt die Kampfkunst 

Der Wiler Jürg Ziegler lebt seit 47 Jahren Kampfkunst und beherrscht verschiedene Stile. 
Daneben hat er auch andere Talente wie Fotografieren und Tauchen.

Dinah Hauser
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Wieder fit: Nach einem schweren Reitunfall entwickelte Grossmeister Jürg Ziegler ein Regenerationstraining, von dem heute jedermann profitieren kann.Bild: Michel Canonica

Wieder fit: Nach einem schweren Reitunfall entwickelte Grossmeister Jürg Ziegler ein Regenerationstraining, von dem heute jedermann profitieren kann.Bild: Michel Canonica

Jürg Ziegler öffnet die Tür seines Hauses in Wil. Neben ihm grüsst auch eine Buddhastatue mit Brunnen die Besucher. Eine Treppe führt hinab zu seinem Trainingsraum. Der 56-Jährige ist Grossmeister der 51. Generation des Shaolin Lohan Kung Fu – ein Kampfkunststil, der aus dem Shaolinkloster in Südchina stammt. Er beherrscht aber auch andere chinesische, koreanische und philippinische Stile auf höchstem Niveau und ist weltweit in über 90 Organisationen tätig. Zudem ist er nationaler, europäischer oder gar weltweiter Repräsentant einiger Stile und hat Schüler in 60 Ländern. Die Schüler, welche er in Wil trainiert, stammen aus der Region Wil und dem Toggenburg; auch einige Thurgauer und Zürcher sind dabei. Seine Frau Monika ist ebenfalls Meisterin: Im Wing Chun Kung Fu, einer schnellen chinesischen Kampfkunst, welche von einer Frau entwickelt worden ist. Auch die beiden erwachsenen Söhne wurden – wie könnte es anders sein – von klein auf geschult.

Schüler als beste Auszeichnung

Die Treppe nach oben führt zur Wohnung – und zu den Gästezimmern. Die Zieglers betreiben in ihrem Wohnhaus auch eine Pension. Die Zimmer sind thematisch je einem Tier, wie dem Drachen oder dem Kranich, gewidmet und mit deren Bildern geschmückt. Auch in den Gängen zieren Gemälde und Unterwasserfotos die Wände. Letztere hat Ziegler selbst geknipst. Er ist nämlich auch begnadeter Taucher und hat seine eigene Tauchschule namens Kung Fu Divers.

Zuoberst im Haus, das schon seinen Grosselter gehörte, ist Zieglers Büro untergebracht. Auch hier fühlt man sich fast wie in einem Museum: Tigergemälde, Schwerter und andere Artefakte zieren die Wände. Darunter verschiedene Diplome – Ziegler ist Doktor und Professor der Philosophie in Kampfkunst – und daneben findet sich auch ein päpstlicher Verdienstorden. Was denn die beste Auszeichnung sei? «Das sind meine Schüler», sagt Ziegler. Unter ihnen befänden sich einige Meister oder gar Grossmeister, welche die Welt der Kampfkünste nun ihrerseits beeinflussen.

«Dies bedeutet aber auch, dass ich eine grosse Verantwortung trage.»

Zieglers Reise durch die Kampfkunstwelt begann im Alter von 10 Jahren mit Kyokushinkai Karate – einer Vollkontakt-Variante der waffenlosen Kunst. Als er sich, zwecks Lehre bei der damaligen Swissair, vermehrt in Zürich aufhielt, entdeckte er dort eine Kung Fu Schule, die ihm zusagte. Den Mitarbeiter-Rabatt der Fluggesellschaft nutzte er und stiess in London auf seinen ersten Wing Chun Lehrer, Austin Goh. «Ich erinnere mich noch gut, wie wir für Lady Di einen Löwentanz aufführten», sagt Ziegler. Auch Bandmitglieder der Rolling Stones und Blondie habe er ausbilden dürfen.

Jürg Ziegler beherrscht auch den Umgang mit dem Schwert. (Bild: Michel Canonica)

Jürg Ziegler beherrscht auch den Umgang mit dem Schwert. (Bild: Michel Canonica)

Alsbald erhielt er Empfehlungen bei diesem oder jenem bekannten Meister trainieren zu dürfen und so bereiste Ziegler den asiatischen Raum, um seinen Wissensdurst zu stillen. Fotos in seinem Trainingsraum erinnern an die Meister der verschiedenen Stile, welche ihn prägten und teilweise wie ein Familienmitglied behandelten. «Eigentlich wollte ich nie mehrere Stile erlernen», sagt Ziegler. «Aber ich hatte Spass an den Kampfkünsten und lernte immer wieder andere Meister kennen, die mir ihre Kunst beibringen wollten.» Dass er von den Besten lernen durfte, erfülle ihn mit grosser Dankbarkeit.

Die Kette seines Lebens

Die goldene Kette, die er um den Hals trägt, «ist mein Leben». Daran hängen fünf Medaillons und zwei Talismane des bedeutenden verstobenen Thailändischen Abts; insgesamt also sieben – die Glückszahl in der chinesischen Mythologie. Zudem kommt diese Zahl in seinem chinesischen Namen vor. Eines stellt sein Logo dar, welches in der Mitte sein Symboltier, den Drachen zeigt. Er beschreibt, welche weiteren Überlegungen in die Kreation eingeflossen sind. So sind etwa neun Diamanten abgebildet, wobei die Zahl Neun wiederum für den Drachen steht.

Der als «Lightning Fist» bekannte Jürg Ziegler – er schlägt so schnell zu wie der Blitz – hat seit 1992 einen Weltrekord inne: Er zerschlug in 65 Sekunden 44 Ziegelsteine mit blosser Hand. Zudem hat er Ziegelsteine zerschlagen, während er auf einem vollen Eierkarton stand.

Nebst in Wil hat Ziegler in der Schweiz auch Trainingslokalitäten in Zürich und in Winterthur. Die Mehrheit der Trainings leitet er an allen Standorten selbst und gibt so sein Wissen weiter. In Wil lägen die Schwerpunkte auf Wing Chun und Regeneration. Auch Kindertrainings bietet er an. Hier stellt er fest, dass Kinder, je nach Erziehung, unterschiedlich entwickelt sind, was den Respekt anbelangt. «Wenn ein Dreijähriger konzentriert zuhören kann, während ein Achtjähriger nur stört, dann finde ich das sehr schade.»

Von Kindern über Instruktoren bis hin zu Grossmeistern: Ziegler bildet alle aus. Die Kenntnisse in vielen Stile kommen ihm hier zugute:

«Nicht nur kenne ich verschiedene Varianten, mit denen ich dasselbe erreiche. Ich kann jeder Person, egal was sie trainiert, helfen, den Weg, den sie eingeschlagen hat, besser zu gehen.»

Ganzheitliche Kampfkunst

Seit 47 Jahren lebt Ziegler nun Kampfkunst – ganzheitlich. «Meist ist nur das Technisch-Taktische der Kampfkünste präsent», sagt Ziegler. Für ihn gibt es aber noch zwei andere Ebenen: das Philosophische und das Medizinische. Will heissen: Kampfkünste sind nicht nur da, um sich in Notlagen selbst zu verteidigen, sich zu stärken («Wir prügeln uns nie!») oder den Körper zu stählen. Sie sollen den Menschen etwa Respekt und Dankbarkeit lehren, wie auch den Willen stärken.

So hat er denn auch das Shaolin Energy Healing, bekannt unter dem Namen SEH-Regeneration, entwickelt. Dieses umfasst einfache Übungen zur Selbstheilung und Regeneration, die im Liegen, Sitzen oder Stehen von allen Personen durchgeführt werden können und täglich nur wenige Minuten in Anspruch nehmen. Auslöser für die Entwicklung des Systems war ein schwerer Reitunfall 2012. Der Sturz vom Pferd endete für Ziegler mit einem gebrochenen Lendenwirbel im Spital. Nach zwei Operationen konnte er nur noch den Kopf bewegen. Aufgegeben hat er aber nicht: «Ich überlegte mir dann, was ich aktiv tun kann, um den Heilungsprozess zu unterstützen – auch mit einem Körper, der sich kaum mehr bewegen lässt.»

So nutzt beispielsweise das Deutsche Olympische Schwimmerteam die Übungen zum Aufwärmen. Ziegler coacht jedoch auch ältere Personen. Rollatoren seien gut und recht, aber falsch eingestellt führten sie zu Fehlhaltungen. «Viele laufen gebückt und sind sie nach wenigen Metern ausser Puste.» So beginnt Ziegler erst einmal mit einem Rollator-Tuning. Die Geräte werden höher gestellt, was eine aufrechte Haltung und damit auch ein besseres Atmen ermöglicht.

Hinweis
Weitere Informationen unter:
www.kungfu.ch