Der Frühling kommt immer früher: Der Klimawandel droht die Obstlandschaft zu verändern

Zunehmend mehr Apfel- und Birnenbäumen wird es zu warm.

Vera Minder
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Klassische Apfelsorten, die heute in unserer Region gedeihen, könnten bei fortschreitendem Klimawandel in einigen Jahrzehnten verschwunden sein. Im Bild eine Obstanlage in Flawil.

Klassische Apfelsorten, die heute in unserer Region gedeihen, könnten bei fortschreitendem Klimawandel in einigen Jahrzehnten verschwunden sein. Im Bild eine Obstanlage in Flawil.

Bild: Vera Minder

Klima und Natur gehen Hand in Hand. Und kaum jemand arbeitet so eng mit der Natur zusammen wie Landwirte. Doch genau sie trifft der Klimawandel besonders, würde man meinen. Trotz den heissen, trockenen Sommern und den warmen Wintern hört man überraschend wenig von ihnen. Warum?

Die Antwort ist nicht so einfach. Die heisseren Sommer mit weniger Niederschlag bedeuten nicht überall automatisch etwas Negatives. Aufgrund der hohen Wasserspeicherfähigkeit des Bodens im Voralpengebiet sind die Trockenperioden hier bislang kaum eine Gefahr in Dauerkulturen wie dem Obstbau. Im Gegenteil, der Blühzeitpunkt hat sich als Reaktion auf die Veränderung der letzten 30 Jahre um zehn Tage vorverschoben, was zu einer längeren Vegetationszeit führt.

Dementsprechend steigert sich der Ertrag der lokalen Obstbauern eher, als dass er sinkt, erklärt Richard Hollenstein, Berater für Obstbau am Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen. «Hier muss man aber vorsichtig sein», betont er. Der Schweizer Boden sei sehr heterogen. Was im Gebiet der Voralpen zutrifft, könne beispielsweise in Schaffhausen ganz anders sein.

Richard Hollenstein

Richard Hollenstein

Fachmann Obstbau

Chancen und Risiken müssen gut abgewogen werden

Gestiegen ist jedoch klar die Gefahr von zerstörerischem Frost. Kälteeinbrüche in der früheren Blütezeit können fatale Schäden haben. Ernten können teilweise oder sogar ganz zunichte gemacht werden. Vor allem Obst- und Beerenkulturen sind gefährdet. Ebenfalls bedrohlich sind neue Schädlingsarten. Als negativer Effekt der Globalisierung werden immer mehr unkontrolliert «importiert». Den fremden Schädlingen gefällt es in unserem wärmer werdenden Klima, nicht zuletzt, weil sie hier kaum natürliche Feinde vorfinden. Da die Winter nicht mehr so kalt und hart sind, überleben viele und werden zur Plage für die Bauern.

Der Klimawandel bewirkt einen früheren Blühzeitpunkt. Im Bild blühende Hochstamm-Obstbäume.

Der Klimawandel bewirkt einen früheren Blühzeitpunkt. Im Bild blühende Hochstamm-Obstbäume.

Bild: Reto Martin

Die heisseren Sommer haben noch andere Folgen. Nördlichen Obstsorten wird es teilweise zu warm und zu trocken. Zudem brauchen sie weniger Zeit zum Gedeihen, als die längere Vegetationszeit es ihnen erlauben würde. Neue, südlichere Sorten könnten angebaut werden. Man müsse jedoch realistisch bleiben, findet Hollenstein. «Wir leben immer noch nördlich der Alpen.» An vorsichtigen Projekten dürfe man sich jedoch schon versuchen.

Neues auszuprobieren berge jedoch auch Gefahren. Als Berater sei er für das Risikomanagement verantwortlich, erklärt er. «Einem jungen Obstbauern mit Familie, dessen Betrieb erst im Aufbau ist, würde ich nie empfehlen, auf neue, südlichere Obstarten zu setzen. Jemand, der älter und weniger abhängig von der Ernte ist, kann es sich eher leisten, ein wenig zu experimentieren.

Die richtige Anpassung muss erst noch gefunden werden

Die Probleme werden in Zukunft grösser und nicht kleiner, ist Hollenstein überzeugt. Aber er sieht im blossen Hyperventilieren keine Lösung.

«Natürlich muss man sich damit beschäftigen. Aber Angst blockiert nur.»

Er geht es lieber pragmatisch an. Als Berater der Bauern hat man ein Zeithorizont von höchstens 15 Jahren im Blick, erklärt er. Bauern müssten sich eher darauf konzentrieren, das richtige Gespür für die Natur in der Gegenwart zu haben als zu sehr in die Zukunft zu blicken. Was das umfassendere Zeitfenster angeht, vertraut er auf die Forschung. Beispielsweise könne man nur durch Schädlingskontrollen überwachen, wie weit die jeweilige Art sich schon ausgebreitet hat. Und die richtige Bekämpfung müsse erst durch Versuche gefunden werden.

Durch das ausgebaute fachliche Netzwerk arbeitet er eng mit Agrarwissenschaftlern zusammen. Gibt es neue Erkenntnisse über den Einsatz von Ressourcen, wie dem knapper werdenden Wasser, kann er seine Anbauempfehlungen anpassen.

«Die Forschung kann vorausplanen. Durch sie können wir agieren statt nur reagieren.»

Auch die Politik steht vor Herausforderungen

Ein Problem sieht er allerdings in der Trägheit der Politik. Die Einsicht sei zwar da, dass sich etwas ändern müsse. Doch die Ansätze seien falsch. Vor allem sollte seines Erachtens mehr Geld in die Erforschung von künftigen «importierten» Schädlingen und Krankheiten fliessen. «Was wir an finanziellen und personellen Ressourcen haben, ist schön und gut, aber wir brauchen mehr.» Erwähnt sei etwa die Forschung zur Marmorierten Baumwanze oder des Japankäfers. Das Vertrauen in die Politik habe er nicht verloren. Aber anstelle des ewigen Aufeinanderzeigens wünsche er sich mehr Lösungsorientiertheit und konkrete Schritte.

Wetter ist nicht Klimawandel

Wenn es stürmt, ist das Wetter. Misst man jedoch die Häufigkeit und Intensität solcher Wetterereignisse über 30 Jahre und beachtet zudem die Extremwerte, dann ist es Klima. Doch Achtung: Klimaschwankungen an sich sind völlig natürlich. Jedoch stellt man seit Beginn des 20. Jahrhunderts einen auffälligen Anstieg der Mittelkurve fest. Diese Jahresdurchschnittstemperatur hat sich seit 1864 um zwei Grad Celsius (Stand 2018) erwärmt. Das ist der Klimawandel.

Obwohl es nicht nach viel klingt, haben diese zwei Grad einen enormen Einfluss. Bereits jetzt haben wir in der Schweiz deutlich mehr Sommer- und weniger Frosttage. Die aktuellsten Klimaszenarien von Meteo Schweiz besagen: Ohne Klimaschutz werden wir 2060 im Mittelland fast doppelt so viele Hitzetage und bis zu einem Drittel weniger Neuschneetage haben. (vem)