Wiler Berufsberaterin schlägt Alarm: «Der Entscheid für eine Lehrstelle fällt immer früher»

Am Lehrstellenforum können sich Schüler der 1. und 2. Oberstufe über Berufsmöglichkeiten informieren. Einige haben jedoch bereits eine Lehrstelle gefunden. Die Tendenz nimmt zu und bereitet Experten Sorgen.

Gianni Amstutz
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Obwohl Lehrstellen immer früher besetzt werden, sind in der Region noch über 300 verfügbar, beispielsweise als Maurer. (Bild: Sam Thomas)

Obwohl Lehrstellen immer früher besetzt werden, sind in der Region noch über 300 verfügbar, beispielsweise als Maurer. (Bild: Sam Thomas)

«Wir beobachten diese Entwicklung mit Sorge», sagt Annemarie Diehl, Stellenleiterin der Berufs- und Laufbahnberatung Wil. Gemeint ist damit der Zeitpunkt an dem Lehrverträge unterschrieben werden. Es sei heute nicht unüblich, bereits am Ende der 2. Oberstufe einen Vertrag in der Tasche zu haben. Zu früh, findet die Expertin. Der Prozess der Entscheidungsfindung brauche Zeit, sagt Diehl.

Würden überstürzt Lehrverträge unterschrieben, ohne sich zuvor über andere Möglichkeiten informiert zu haben, bestehe ein erhöhtes Risiko von Lehrabbrüchen. Das zeige sich auch in der Zunahme derselben, auch wenn diese nicht ausschliesslich darauf zurückzuführen seien.

Auch Stefan Frick, Präsident des Gewerbevereins Wil und Umgebung, sieht die immer frühere Rekrutierung von Lehrlingen kritisch. In diesem Alter könnten sich Jugendliche und ihre Interessen rasch verändern. Unter diesem Gesichtspunkt sei es auch für die Unternehmen nicht unbedingt ratsam, ihre Lehrstellen möglichst früh zu besetzen. Gleichwohl sei der Wettkampf unter den Firmen verständlich.

Markus Fust von der Arbeitgebervereinigung Wil, gesteht ein, bei seinem Betrieb einen Teil der offenen Lehrstellen frühzeitig zu besetzen. «Wenn wir bei unseren Schnupperlehren im Frühling und Sommer einen guten Kandidaten finden, bieten wir ihm eine Lehrstelle an.» Zuwarten könne man sich nicht erlauben, da sich der Kandidat sonst anderweitig umschaue.

Lehrstellenforum als Fixpunkt der Berufswahl

Idealerweise – früher war das schon beinahe eine Regel unter den Unternehmern – werden Lehrstellen erst in der 3. Oberstufe vergeben. Dann hatten die Schüler genug Zeit, sich intensiv mit der Berufswahl auseinanderzusetzen. Ein wichtiger Eckpfeiler ist in Wil dabei das Lehrstellenforum, das am Samstag zum 21. Mal stattfindet.

Es bietet Schülern die Möglichkeiten, 79 Berufsbilder kennenzulernen und erste Kontakte zu knüpfen. Diese Plattform für persönliche Kontakte zwischen Arbeitgebern und potenziellen Lehrlingen mache das Lehrstellenforum auch in Zeiten der Digitalisierung unverzichtbar, sagt Stadtrat Dario Sulzer.

Der Wert des Lehrstellenforums ist auch bei den Unternehmern unbestritten. Stefan Frick spricht von einer Chance für jeden Arbeitgeber sich zu präsentieren. Dass dies geschätzt wird, zeigt nicht zuletzt die Rekordbeteiligung von 64 Unternehmen aus der Region. «Die Bedeutung für das regionale Gewerbe ist enorm», verleiht Markus Fust Stefan Fricks Aussage Nachdruck.

Der Anlass richtet sich primär an Schülerinnen und Schüler der 1. und 2. Oberstufe, die mehr über Berufe erfahren und Kontakte mit Unternehmern knüpfen wollen. Angesichts der grossen Anzahl freier Lehrstellen in der Region Wil – derzeit sind bis Herbst dieses Jahres 300 Stellen zu vergeben – bietet sich für Suchende vielleicht die Möglichkeit, doch noch fündig zu werden.

Informationsanlass auf Albanisch

Das diesjährige Lehrstellenforum wartet mit zwei Neuerungen auf. Einerseits haben die Verantwortlichen zusätzlich das «Cinewil» gemietet. Mehr Platz soll gewährleisten, dass alle Interessierten an den Podiumsgesprächen teilnehmen können. Zudem findet eine Veranstaltung für albanisch sprechende Eltern statt. Dies mit dem Ziel, die Eltern durch den Abbau sprachlicher Hürden besser in die Berufswahl ihrer Kinder einzubinden.

Hinweis
Lehrstellenforum am Samstag, 22. Juni, 9 bis 12 Uhr, Stadtsaal.