Glosse

Der Blick in die Zukunft: Die Augen zu verschliessen, ist allzu bequem

Im Seitenblick, der wöchentlichen Glosse der «Wiler Zeitung», geht es um unseren Umgang mit der Zukunft.

Gianni Amstutz
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Blick in die Zukunft gefällig? Ein Stand an der Fasnacht.

Blick in die Zukunft gefällig? Ein Stand an der Fasnacht.

Bild: Martin Uebelhart

Wer hätte sie nicht gerne? Die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen. Damit liesse sich so einiges anstellen. In Wettbüros oder beim Lotto könnte man sich eine schöne Stange Geld verdienen.

Doch nicht nur für den persönlichen Profit wäre die Fähigkeit ein Segen. Altruistisch veranlagte Personen könnten damit auch tragische Ereignisse der Weltgeschichte verhindern. Man denke da beispielsweise an den 11. September, den Tsunami 2004 in Südostasien oder die Anschläge des IS. Welcher Mensch, der noch bei Verstand ist, würde solche Ereignisse oder zumindest die Opfer, die daraus resultieren, nicht verhindern, wenn er es könnte? Keiner, würde man meinen. Und doch scheint es so, als würden Menschen nur zu gern die Augen vor der Zukunft verschliessen.

Nur Prognosen einer fern scheinenden Zukunft

Dank wissenschaftlicher Erkenntnisse wissen wir, dass eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter dringend nötig wäre. Wird dieses Ziel nicht erreicht, drohen Kriege, Hungersnot und Naturkatastrophen.

Das sind keine Prognosen von Grünen Politikern, sondern von Wissenschaftern. Unser Leben deswegen auf den Kopf zu stellen, sind wir aber nicht bereit. Es handelt sich schliesslich nur um Prognosen einer fern scheinenden Zukunft.

Der Verzicht ist bequemer

Aber selbst wenn das Risiko unmittelbarer ist, lässt uns das so lange kalt, bis es uns selbst betrifft, wie die Corona-Pandemie zeigt. Dabei gewährt die Situation in Italien einen schonungslosen Blick in die Zukunft. Müssten wir jetzt deswegen in Panik verfallen? Nein, aber zumindest müssten wir die Anweisungen des Bundes ernster nehmen.

Trotzdem ist in den sozialen Medien immer noch von «unnötiger Panikmache» die Rede. Das lässt sich leicht sagen, wenn für einen persönlich die Mortalitätsrate bei 0,1 Prozent liegt – und nicht wie bei der Risikogruppe bei fünf Prozent oder höher. Solidarität wäre gefragt mit jenen Menschen, für die das Risiko, durch das Virus zu sterben, nicht verschwindend gering, sondern real ist. Dafür zeitweise seine persönliche Freiheit geringfügig einzuschränken, wäre ein kleines Opfer. Oder man verzichtet einfach auf den Blick in die Zukunft. Das ist bequemer.