Der Bahnknoten ist 100 geworden

Heute vor hundert Jahren nahm die einstige Mittelthurgaubahn (MThB) ihre Eisenbahnstrecke von Wil nach Kreuzlingen in Betrieb. Es ist bisher die letzte Bahnlinie, die ihren Weg nach Wil fand. Heute betreibt Thurbo die Strecke.

Silvan Meile
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Bis September 1965 ein alltägliches Bild in Wil: Die Mittelthurgaubahn war eine der letzten Privatbahnen der Schweiz, die den elektrischen Betrieb einführten. (Bild: sme.)

Bis September 1965 ein alltägliches Bild in Wil: Die Mittelthurgaubahn war eine der letzten Privatbahnen der Schweiz, die den elektrischen Betrieb einführten. (Bild: sme.)

Er werde es sich in einem Reporterbüchlein, «in dem schon gegen dreimal hundert Festrapporte stehen», stark anröten als eine der schönsten Festerinnerungen, schrieb der Journalist der Thurgauer Zeitung vor genau hundert Jahren. Er berichtete von den Feierlichkeiten zur Eröffnung der Bahnstrecke der Mittelthurgaubahn (MThB) von Wil nach Konstanz. Entlang der ganzen Strecke sei der erste Zug im Jahre 1911 von begeisterten Menschen mit Fahnen und Blumensträussen begrüsst worden. Ehrendamen, Musik- und Gesangsvereine hatten ihre Auftritte. In Wil wurden der erste einfahrende Zug und seine rund 300 Passagiere aus Weinfelden nicht nur mit Musik begrüsst, sondern auch mit Böllerschüssen. Danach hielt der Wiler Stadtammann Wild bei einem Znüni eine Festansprache in der Tonhalle, bevor der Zug am 20. Dezember 1911 aus dem sonnigen Wil in Richtung Bronschhofen davonfuhr und im Thurgauer Nebel verschwand. So nahm er die erste Fahrt der 41 Kilometer ab Wil über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Kunstbauten in Form von Brücken und Viadukten bis Kreuzlingen in Angriff.

Schienennetz seit 100 Jahren

Mit der Strecke Winterthur– St. Gallen ist die Äbtestadt im Jahre 1856 mit der Eisenbahn verbunden worden. Noch vor der Jahrhundertwende wurde der Bahnhof Wil mit den Linien ins Toggenburg – damals bis Ebnat-Kappel – und mit der Schmalspurstrecke von Frauenfeld ergänzt. Die Eisenbahnstrecke aus dem nördlich gelegenen Thurgau ist die letzte, die ihren Weg in den Bahnhof Wil gefunden hat. An diesem Schienennetz – und damit am Bahnhof Wil als Bahn- respektive Verkehrsknotenpunkt – hat sich seit der erwähnten Feier vor genau hundert Jahren nichts mehr geändert.

Die «Müller-Thurgau-Bahn»

Die Mittelthurgaubahn war eine Bahn mit vielen Namen. Seit jeher soll sie als «mittellose Thurgaubahn» bezeichnet worden sein. Aber auch «Maria-Theresia-Bahn», «Mostindien Bahn» und im benachbarten Deutschland soll man «Müller-Thurgau-Bahn» gesagt haben. Gross war die Bestürzung, als die MThB per Ende 2002 ihren Betrieb aufgrund finanzieller Schieflage einstellen musste, liquidiert wurde und die Thurgauer tatsächlich eine mittellose Thurgaubahn hatten. Damit fanden die Geschäftstätigkeiten der MThB nach 91 Jahren ein jähes Ende. Die Modernisierung der von der SBB versuchsweise übernommenen Seelinie Schaffhausen–Romanshorn und nicht zuletzt Fehler im Management waren Gründe dafür. Die Aktiven der Privatbahn übernahm die SBB-Tochter Thurbo, die seither auf der «MThB-Stammstrecke» von Wil auf 571 Metern über Meer auf Konstanz mit einer Höhe von 399 Metern über Meer fährt. Das kulturelle Erbe pflegt der Verein Historische MThB. Zusammen mit Thurbo haben sie das Jubiläum der hundertjährigen Strecke gefeiert. Während zweier Tage im Dezember fuhr hierfür ein Dampfzug auf der Einspurstrecke, angetrieben von einer originalen Lokomotive der MThB aus dem Jahr 1912. Es ist die letzte von vier Lokomotiven, die aus den Gründerzeiten der MThB bis heute überlebte.

www.eisenbahn-amateur.ch