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Der «Bären» ist zum Abschuss freigegeben

WIL. Täglich kamen sie am Feierabend, tranken auf den alten Stühlen zwischen den alten Wänden Bier und Kaffee mit Schnaps. Ein ähnlich gesinnter Gesprächspartner war ihnen gewiss am runden Holztisch.
Das Restaurant Bären entwickelte sich in den vergangenen 20 Jahren zu einer alternativ angehauchten Beiz. Durch den Verkauf der Liegenschaft könnte aber bald Schluss sein. (Archivbild: Silvan Meile)

Das Restaurant Bären entwickelte sich in den vergangenen 20 Jahren zu einer alternativ angehauchten Beiz. Durch den Verkauf der Liegenschaft könnte aber bald Schluss sein. (Archivbild: Silvan Meile)

WIL. Täglich kamen sie am Feierabend, tranken auf den alten Stühlen zwischen den alten Wänden Bier und Kaffee mit Schnaps. Ein ähnlich gesinnter Gesprächspartner war ihnen gewiss am runden Holztisch. In geselliger Runde sprachen die Gäste im «Bären» über Themen wie Köbi Kuhns Fehler beim Einwechseln, Christoph Blochers Abwahl als Bundesrat oder etwa die gute alte Zeit der Rockmusik. Nicht selten prostete auch jemand mit einer Postkarte aus einem fernen Land zu. Man kannte und schätzte sich. Seit einigen Wochen ist nun aber ein aktuelles Gesprächsthema wiederkehrend: Wie geht es weiter mit dem «Bären»? Denn die Liegenschaft ist zum Verkauf ausgeschrieben.

Bereits Souvenirs ergattert

Auf dem farbigen Inserat in der Hauseigentümer-Zeitung kostet der «Bären» 350 000 Franken. Die Tage der Beiz mit ihren treuen Stammgästen, die seit fast 20 Jahren als eigentliche Szene in Erscheinung trat, scheinen gezählt zu sein. Schon bald könnte die Liegenschaft ausgehöhlt werden und danach einen modernen Coiffeursalon oder einen Kleiderladen beheimaten, so die schlimmsten Befürchtungen. Sowieso beides Segmente, mit denen der Stammgast dieser Beiz nicht viel anfangen kann. Für ihn Grund genug, nochmals einen kräftigen Schluck zu trinken. Doch das ist jetzt nicht mehr täglich möglich. Der «Bären» hat nur noch von Donnerstag bis Samstag geöffnet. Die Stammgäste sind gezwungen, sich neu zu orientieren. Einige haben sich eigenhändig zum Abschied bereits ein Souvenir von der mit zahlreichen Bildern behangenen Wand genommen. Sogar das beleuchtete Wirtshausschild an der Aussenfassade wurde entwendet.

Der langjährige Pächter Res Bürgi steht vor einer ungewissen Zukunft: «Ich muss zuerst schauen, wie es weitergeht», sagt er. An einem Kauf der Liegenschaft sei er selber interessiert. «Aber nicht zu jedem Preis», wie er sagt. Und dieser scheint sich gegenüber dem Inserat in die Höhe zu bewegen. Denn mehrere potenzielle Käufer interessieren sich für die längst in die Jahre gekommene Liegenschaft, wenn man den Stammtischgesprächen Glauben schenken will.

Vom Jassen zum Rocken

Seit 150 Jahren ist der «Bären» ein Restaurant. Vor rund 20 Jahren übernahm Esther Hilber zusammen mit Res Bürgi die Wirtschaft von den Süsstrunks, die ihrerseits über 30 Jahre darin wirteten. Durch diesen Wechsel änderten auch die Gäste. Volkstümliche Besucher mit Stumpen und Jasskarten wurden durch die Jugend der 90er-Jahre abgelöst, die alles andere als Stumpen rauchte. Schnell haftete dem «Bären» ein eigener Ruf an. Das Lokal wurde zum Treffpunkt einer alternativ angehauchten Szene, dem Gegenteil von Schickimicki. Einige Gäste von damals sind bis heute dem Lokal treu geblieben. Sie machen das spezielle Ambiente dieser Beiz aus. Dank der Jukebox kann hier auch heute noch der Gast entscheiden, welche Musik im Lokal gespielt wird. Das Gerät hätte wohl auch noch den allerletzten Servicetechniker überlebt. Die Zeit scheint in dieser Beiz schon lange stehengeblieben zu sein.

Charme eingebüsst

Doch der «Bären» ist den Nachbarn auch schon lange ein Dorn im Auge. Lärmbelästigung wurde immer wieder geltend gemacht. Auch von einer benachbarten Liegenschaft aus, wo vor rund fünf Jahren exklusive Wohnungen entstanden, in denen man zentral und ruhig wohnen möchte. «Gegen den <Bären> wurde bei der Stadt sogar ein Schliessungsantrag eingereicht, den wir abwenden konnten», blickt Res Bürgi zurück. Doch die Auflagen wurden trotzdem strenger, die Lärmklagen häufiger. Nicht zuletzt deshalb, weil aufgrund des konsequenten Rauchverbots draussen vor dem Lokal gequalmt werden muss – zwingend im Stehen. Denn auch die Bestuhlung als Gartenbeiz vor dem Eingang wurde dem «Bären» vor einigen Jahren untersagt.

Bis Ende Monat soll nun die Zukunft des «Bären» besiegelt werden. Noch gehört er einer alleinstehenden Frau, die in der Innerschweiz lebt, selbst aber in Wil aufwuchs und einst über dem Lokal wohnte. Ihr scheint auch der soziale Aspekt des «Bären» nicht entgangen zu sein. Denn er bot in den letzten Jahren auch jenen Gästen einen Platz, die nicht in jedem Lokal akzeptiert sind. Wenn Res Bürgi den «Bären» künftig besitzen sollte, werde er ihn nach einer sanften Renovation wie bis anhin weiterführen.

Der freie Markt wird wohl über die Zukunft entscheiden. Für in die Jahre gekommene Beizen stehen die Zeichen schon lange schlecht. Was auch passiert, im «Bären» wird es kaum jemals wieder so sein, wie es zu seinen besten Zeiten war, als sich zum Feierabend regelmässig zwölf Personen um den Stammtisch quetschten.

Silvan Meile

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