Depression kann jeden treffen

WIL. «Wer mit wachen Augen durchs Leben geht, kennt Menschen mit einer Depression», erklärte Stephan Goppel, Leitender Arzt bei den Kantonalen Psychiatrischen Diensten Wil, am ersten Kursabend des Herbstsemesters.

Ruth Bossert
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Wenn Menschen auch über unangenehme Gefühle reden können, schützen sich vor einer möglichen Depression, sagt der Arzt Stephan Goppel in Wil. (Bild: rb)

Wenn Menschen auch über unangenehme Gefühle reden können, schützen sich vor einer möglichen Depression, sagt der Arzt Stephan Goppel in Wil. (Bild: rb)

Der Hörsaal in der Psychiatrischen Klinik war zum Bersten voll. Die 150 bereitgestellten Stühle waren schnell besetzt, wer später kam, musste sich mit einem Stuhl aus dem Restaurant behelfen. Depression, Burn-out – eine Krankheit, welche in jedem Buch, in jedem Film und allgegenwärtig in der Gesellschaft vorkommt und viele Menschen und ihre Angehörige darunter leiden.

Gemäss Stephan Goppel, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Facharzt für Neurologie an der Psychiatrischen Klinik in Wil, erkrankt jeder fünfte Mensch während seines Lebens mindestens einmal an einer Depression. Während diese Krankheit bei 20 bis 50 Prozent der Erkrankten eine einmalige Episode darstellt, müssen weit mehr Menschen mit wiederkehrenden Depressionen zurechtkommen. Für Goppel spielt es keine Rolle, ob von einer Depression oder von Burn-out gesprochen wird. «Ich passe mich der Situation an und spreche von der Krankheit, die für den Patienten oder die Patientin besser passt.»

Das depressive Murmeltier

Bei der Aufzählung der Symptome vergleicht der Facharzt den an einer Depression erkrankten Patienten mit einem Murmeltier im Winterschlaf. Traurig, passiv, kraftlos, müde, langsam und mit negativen Gefühlen ziehen sich die Murmeltiere im Herbst zum Überwintern in die Höhle zurück. Depressive Menschen verkriechen sich ebenfalls, vernachlässigen die sozialen Kontakte, sind dünnhäutig, haben Gedächtnisstörungen, ihre Motorik ist steif, zäh und langsam und sie leiden an vegetativen und somatischen Störungen. Während sie nicht schlafen können, ängstigen sie sich, entwickeln Schuldgefühle, fühlen sich wertlos, erinnern sich nur an das Negative in ihrem Leben und denken an Verarmung und schämen sich. Ihr Selbstwertgefühl schwindet, jeglicher Spass im Leben bleibt auf der Strecke und für Mitmenschen sei diese Situation äusserst anstrengend, erklärt Goppel. Hingegen sei nicht jede Melancholie, jede Deprimiertheit, jede Verzweiflung und jede Trauer eine Depression, doch wenn die depressive Stimmung während mindestens zwei Wochen anhalte, könne man von einer Depression ausgehen. Depressive Menschen denken oft an Suizid.

Mehr Suizide bei Älteren

Ältere Menschen verstecken ihre Depression häufig hinter Schmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Goppel erklärt, dass Ältere oft ängstlich-hypochondrisch werden und von einer inneren Unruhe geplagt seien. Die Suizidrate steige bei den Älteren, vor allem bei den Männern ab 75 stark an. Goppel rät, bei Anzeichen einer Depression zuerst den Hausarzt aufzusuchen.

Es sei wichtig, den Patienten gut über die Krankheit aufzuklären, bevor man mit der Verabreichung von Antidepressiva beginne. In rund zwei Drittel der Fälle sei die Erstbehandlung erfolgreich. Häufig müsse aber das Medikament gewechselt werden, weil sich unliebsame Nebenwirkungen einstellen. Auch wenn viele durch die medikamentöse Unterstützung eine deutliche Besserung spüren und einige gar geheilt werden – «Schwimmen muss jeder allein.»