Den Segen vom Sofa aus empfangen: Wegen Corona weicht der Wiler Sonntagsgottesdienst ins Internet aus

Reihenweise Veranstaltungen sind abgesagt worden. Einen Ausweg bietet das Internet.

Tobias Söldi
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Die Bänke in den Kirchen bleiben vorerst leer.

Die Bänke in den Kirchen bleiben vorerst leer.

Bild: Tobias Söldi

«Digital ist besser», sang die deutsche Rockband Tocotronic 1995, als die Welt noch analog(er) war. Heute, 25 Jahre später, liegt das gesellschaftliche Leben praktisch darnieder, und die Zeile bekommt eine neue Bedeutung. Digital ist nicht nur besser, sondern aktuell der einzige Weg, dass Anlässe wie Konzerte, Theatervorstellungen oder Gottesdienste trotz Veranstaltungsverbot stattfinden können: nämlich mittels Liveübertragung.

Diese Möglichkeit nutzt auch die Katholische Kirchgemeinde Wil. «Wenn die Leute nicht zu uns kommen dürfen, dann gehen wir eben auf diesem Weg zu den Leuten», sagt Thomas Feller, Leiter Verwaltung und Dienste der Kirchgemeinde.

Thomas Feller, Katholische Kirchgeminde Wil

Thomas Feller, Katholische Kirchgeminde Wil

Dieses Wochenende werden gleich zwei Veranstaltungen auf www.kathwil-live.ch übertragen: am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr der Gottesdienst in der Kirche St.Peter, und um 17 Uhr das Toccatawil-Konzert am gleichen Ort. Feller:

«Wir wollen so die Nähe zu den Leuten aufrechterhalten.»

Die Gelegenheit beim Schopf gepackt

Mit der Idee von Livestreams liebäugelte die Kirchgemeinde schon, bevor das Corona-Virus über Europa hereinbrach. «Wir überlegen uns seit längerem, welche anderen, modernen Formen sinnvoll wären, um die Leute zu erreichen», sagt Feller. Geplant waren die ersten Streamingversuche für den Herbst.

Es kam anders. «Wir entschieden uns, die Gelegenheit zu nutzen», sagt Feller. Immerhin sei so schon vieles für eine Übertragung vorbereitet gewesen. Die Kirchgemeinde will die Idee weiter verfolgen. Wil wär nicht allein: Das Bistum St.Gallen überträgt nebst Sonntagsgottesdiensten auch Werktagsgottesdienste, jeweils abrufbar auf www.bistumsg-live.ch.

Auch die Kunsthalle Wil setzt auf die digitalen Möglichkeiten. Die Ausstellung der Videokünstlerin Susanne Hofer, die am Samstag in zwei Wochen, am 4. April, Vernissage feiern würde, soll digital festgehalten und auf den sozialen Medien geteilt werden – ohne Publikum vor Ort. Bereits vor einigen Tagen verriet Kuratorin Sonja Rüegg der «Wiler Zeitung»:

«Wir planen eine ‹Geisterausstellung›, ähnlich einem Geisterspiel im Fussball.»
Sonja Rüegg, Kuratorin der Kunsthalle Wil

Sonja Rüegg, Kuratorin der Kunsthalle Wil

Benjamin Manser

Bücher aus der Online-Bibliothek

Auch die Evangelische Kirchgemeinde Wil beschreitet den digitalen Weg. Die vom 6. bis 9.April geplanten Kindertage finden online beziehungsweise daheim statt. Auf www.ref-wil.ch werden Filmclips oder Podcasts aufgeschaltet sein und Vorschläge zum Basteln und Spielen schriftlich zur Verfügung stehen. An jedem Tag wird eine Frage aufgegriffen. Auf der Homepage sollen zudem Bilder und Nachrichten von den Nachmittagen geteilt werden.

Nicht anders ist die Situation bei den geschlossenen Bibliotheken: Sie verweisen auf die digitale Bibliothek Ostschweiz unter www.dibiost.ch, die E-Books, E-Papers, E-Audios, E-Music und E-Videos im Angebot hat. Dibiost steht allen Kundinnen und Kunden des Verbundes offen, zu dem auch die Bibliotheken in Wil, Uzwil, Bütschwil, Degersheim, Ebnat-Kappel, Flawil, Lichtensteig, Kirchberg, Mosnang, Nesslau, Oberbüren, Wattwil und Zuckenriet gehören.

Doch irgendetwas fehlt an der Vorstellung, Kunst und Gottesdienste vom Sofa aus mitzuerleben, Bücher nur noch digital auszuwählen: die Häppchen und der Weisswein an der Vernissage, die zufälligen Entdeckungen zwischen den Büchergestellen, das Miteinander. Digital ist eben doch nur momentan besser.