Den Metzgern fehlen die Lehrlinge – es droht die Streichung einer Klasse an der Wattwiler Berufsschule

Die Berufsschulklasse in Wattwil kommt in diesem Jahr womöglich nicht zu Stande. Zu wenige wollen sich zur Fleischfachperson ausbilden lassen.

Lara Wüest
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In diesem Jahr ist das Interesse an Fleischfachberufen bei Jugendlichen besonders gering.Bild: Ralph Ribi

In diesem Jahr ist das Interesse an Fleischfachberufen bei Jugendlichen besonders gering.Bild: Ralph Ribi

Lehrlinge stehen derzeit in keinem guten Licht. Sie seien überfordert, ihnen fehle die Ausdauer und der Einsatzwille, klagen manche Unternehmen. Es werde zunehmend schwierig, Lehrstellen zu besetzen.

Eine Branche, die derzeit besonders Mühe hat, Nachwuchs zu finden, ist die Fleischwirtschaft. Das Interesse an einer Ausbildung zur Fleischfachfrau oder zum Fleischfachmann, im Volksmund auch Metzger, ist in den Regionen Wil und Toggenburg in diesem Jahr so gering, dass  am Berufs- und Weiterbildungszentrum in Wattwil womöglich keine neue Klasse zu Stande kommt.

«Es fehlen uns noch vier Schülerinnen und Schüler, damit wir die Klasse füllen können», sagt Werner Küttel. Er ist der Fachlehrer der Fleischfachleute am Toggenburger Berufs- und Weiterbildungszentrum. Und das, obwohl es genug Stellen gäbe. Gemäss dem Schweizer Fleisch-Fachverband sind derzeit in der Region 50 Lehrstellen in der Fleischwirtschaft ausgeschrieben.

«So wenig Lehrlinge 
wie noch nie»

Im Kanton St.Gallen können Lernende an zwei Berufs- und Weiterbildungszentren die schulische Ausbildung zur Fleischfachfrau oder zum Fleischfachmann absolvieren: in Wattwil und Rorschach. An jeder Schule gibt es jeweils eine Klasse. Damit diese zwei Klassen gefüllt werden können, braucht es insgesamt mindestens 25 Lernende. Bisher wurde diese Anzahl stets erreicht. Philipp Sax, stellvertretender Direktor und Leiter Bildung des Schweizer Fleisch-Fachverbandes, sagt:

«Die letzten Jahre brachte man diese Klassen immer gut zusammen.»

Es seien meistens zwischen 30 und 40 Lehrlinge gewesen. In diesem Jahr sind es bisher erst 21. Um die Klasse in Wattwil zu bilden, fehlen also vier Schülerinnen und Schüler. «So wenige waren es noch nie», sagt Sax.

Eine Branche mit 
schlechtem Image

Über den Grund am geringen Interesse am Fleischfachberuf in diesem Jahr können die Branchenkenner nur mutmassen. Womöglich spielen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen schreiben viele Lehrbetriebe in der Region ihre Stellen nicht online aus, obwohl die meisten Jugendlichen digital unterwegs sind. «Wenn eine Stelle nicht im Internet ist, sehen die Jugendlichen diese gar nicht», sagt Sax. Zudem weiss er:

«Handwerkliche Berufe sind generell leider nicht mehr so beliebt.»

Gerade die Fleischfachberufe hätten einen besonders schwierigen Stand. «Wir kämpfen seit Jahren, trotz Vielseitigkeit und Karrierechancen, mit Imageproblemen», so Sax.

Schon länger versucht die Branche, ihr Image aufzupolieren. Wer nicht will, muss heute keine Tiere töten. Fleischfachleute können zwischen drei Fachrichtungen wählen: der Gewinnung, der Verarbeitung und der Veredelung. Die Gewinner schlachten die Tiere und zerlegen sie grob. Die Verarbeiter kommen zwischen Schlachthaus und Verkaufsladen zum Einsatz, sie machen die Feinzerlegung. Die Veredler stehen im Laden, verkaufen das Fleisch und beraten die Kunden. In den Köpfen der Jugendlichen scheint das aber noch nicht angekommen zu sein. «Viele denken noch immer nur an den Schlachter mit blutiger Schürze», sagt Sax.

Mehr Lernende aus
Umgebung von Rorschach

Wenn in den nächsten zwei Wochen also keine neuen Lehrverträge mehr abgeschlossen werden, sieht es für die Klasse in Wattwil schlecht aus. Doch warum hat sich das Amt für Berufsbildung für den Standort in Rorschach entschieden? «Dafür gibt es zwei Hauptgründe», sagt Amtsleiter Bruno Müller. Zum einen sei die Anzahl Lernende aus der Region Rorschach grösser. Zum anderen werde in Rorschach neben der dreijährigen Ausbildung auch die zweijährige Lehre angeboten, die sogenannte EBA-Berufslehre. In Wattwil wird diese nicht geführt.

«Wäre der Entscheid auf Wattwil gefallen, hätten wir noch viel mehr Lernende umteilen müssen.»

Für manche Lehrlinge ist dieser Entscheid besonders bitter. «Wir haben auch Schülerinnen und Schüler aus der Innerschweiz. Die haben nun einen besonders weiten Schulweg», sagt der Wattwiler Fachlehrer Küttel.

Er befürchtet zudem, dass der Entscheid das Aus für Wattwil bedeuten könnte. «Es stellt sich die Frage, ob wir die Klasse zurückbekommen, wenn sie in diesem Jahr nicht zu Stande kommt», sagt er. Doch Bruno Müller beruhigt: «Wir haben nicht vor, den Lehrgang in Wattwil zu streichen.» Und er schliesst auch nicht aus, dass die Klasse in Wattwil dieses Jahr doch noch gefüllt werden kann. «Manchmal werden auch im August noch neue Lehrverträge abgeschlossen.»