Den letzten Weg geht der alte Saal allein

FLAWIL. Manchmal blühen Blüten nochmals auf, die schon längst verblüht gewesen scheinen. Der Saal des Restaurants Post und Bahnhof ist so eine jahrelang tot gewesene Blüte. Wem eigentlich ist dieser alte Schuppen noch aufgefallen vor drei Jahren? Niemandem.

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FLAWIL. Manchmal blühen Blüten nochmals auf, die schon längst verblüht gewesen scheinen. Der Saal des Restaurants Post und Bahnhof ist so eine jahrelang tot gewesene Blüte. Wem eigentlich ist dieser alte Schuppen noch aufgefallen vor drei Jahren? Niemandem. Er war einfach da und verlotterte, man ging und fuhr an ihm vorbei und hat nicht hingeschaut. Dass da drin noch irgendeine Verwendung ruht, hätte kein vernünftiger Mensch gedacht und trotzdem ist er eines Tages doch jemandem ins Auge gestochen – jemandem vom Kulturverein Touch. Ein Verein, der sich seit der Gründung darauf verlegt hat, seine Veranstaltungen an den aussergewöhnlichsten Orten abzuhalten. Ab- oder unabsichtlich, denn manchmal hatte auch die pure «Saal-Not» dazu geführt, einen ungewöhnlichen Ort zu suchen. Schliesslich hat dieser «Jemand» vom Touch den alten Saal hinter der alten Post entdeckt, weil ein anderer beliebter Saal, ebenso alt und charmant versifft, dem Rentabilitätsstreben zum Opfer fiel.

Noch einmal jung geworden

Und nun? Nichts als Erinnerungen. Was für Parties haben wir darin abgehalten, wie haben wir dort doch abgetanzt, wie sind wir da drin noch einmal jung geworden. Fasnacht 2010 wars, die erste Fete. Stunden-, tage-, ja wochenlang hat der Touch mit seinen Freiwilligen daran gearbeitet, die alte Lady wieder aufzupeppen. Hat Bartheken und Bühnenteile geschleppt und Girlanden und Stoffbahnen an die Decke getackert. Hat gemalt und gezimmert und einen Notausgang gebaut, der Vorschriften wegen, deren auch eine alte Hütte unterliegt. Doch wenn auch alles alt und löchrig, abgenutzt und versifft war, der alte Saal hat Charme, sehr viel sogar und man konnte die Wände vernageln ohne zu fragen. Niemals hätte man beim Touch gedacht, dass der alte Saal noch so lange weiterleben – ja leben! – darf.

Immer wenn es laut wurde

Immer wenn es laut wurde hinter der alten Post, wenn der Saal schier aus den Fugen geriet, wenn das Knarren der Parkettdielen nicht mehr zu hören war beim schnellen Rock 'n' Roll, dann schien es dem ehrwürdigen Saal erst recht zu gefallen, dann weitete er seinen Bauch und liess das Publikum herein, Fasnachtsnarren, Partybrüder, Barthekensteher, Sänger und Songschreiber, Kinder und Alte und natürlich Tanzlustige. Doch er mochte es auch leise, beispielsweise zu Liedern von Edith Piaf oder zu Bildern von hiesigen Künstlerinnen, oder traditionell zur Lägelisnacht. Nur dahinsiechen und langsam zerfallen wollte er nicht. Doch es ist das Schicksal alter Bauten, dass irgendwann ihr Stündlein geschlagen hat, etwas anderes, moderneres, rentableres, an ihre Stelle tritt. Noch tritt der Saal nicht ab, aber seinen Abschied hat er schon mal gefeiert, laut und funkig, am Samstag mit den «Funkeys» und einem aufgestellten Publikum, das der Band fünf Zugaben abverlangte. Als wollte es den Saal nicht loslassen, möglichst lange mit ihm sein. Doch den letzten Weg geht er nun allein, der alte Saal.

Michael Hug

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