Den Glauben zum Beruf gemacht

WIL. Der Wiler Stadtpfarrer Roman Giger wollte einst eine Familie mit zehn Kindern haben. Heute lebt er im Zölibat und betrachtet die grösste Pfarrei des Bistums St. Gallen als seine Familie. Mit der Wiler Zeitung blickt er auf die ersten 100 Tage im neuen Amt zurück.

Silvan Meile
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Stadtpfarrer Roman Giger bei einem Bild aus seiner Heimat mit dem Schloss Sargans und Gonzen. (Bild: sme.)

Stadtpfarrer Roman Giger bei einem Bild aus seiner Heimat mit dem Schloss Sargans und Gonzen. (Bild: sme.)

An der katholischen Kirchgemeindeversammlung vom vergangenen November ist Roman Giger zum Wiler Stadtpfarrer gewählt worden. «Seit 50 Jahren kamen in Wil nicht mehr so viele Leute an eine Kirchbürgerversammlung, das war für mich ein richtiger Kick für meinen Start», sagt der 40-jährige Giger. Vor hundert Tagen trat er die Nachfolge von Stadtpfarrer Meinrad Gemperli an.

In dieser Zeit hat der ehemalige Kaplan, der hauptsächlich für die priesterlichen Dienste und die Jugendarbeit zuständig war, sich einen Überblick über sein Wirkungsfeld verschaffen. Mit der Katholischen Pfarrei Wil war er als Kaplan bereits bestens vertraut, als seelsorgerische und administrative Leitung hat sich seine Perspektive aber geändert. «Ich bemühte mich in den letzten hundert Tagen, mir den Blick aufs Ganze zu verschaffen», so Giger. Dabei spürte er eine starke Solidarität und ein Wohlwollen von allen Seiten.

Menschen zusammenführen

«Die Pfarrei hat eine riesige Bandbreite an verschiedenen Ansichten. Sie beinhaltet jene, die eher konservative Vorstellungen vertreten, bis hin zu einer progressiven Seite, die für einen modernen Wandel einsteht», erklärt Giger. Seine Aufgabe sei es, die grosse Bandbreite an Menschen zusammenzuführen. Denn die Kirche sei weit mehr als Individualismus. In ihr benötige es Toleranz und Verständnis für unterschiedliche Ansichten.

«Wenn Einheit etwas ist, das die Gemeinschaft zusammenführt, ist das ein riesiger Dienst der Kirche», so der Geistliche. Gerade in einer Zeit, in der die Leute stark individualisiert sind, sei es die Aufgabe der Kirche, die Menschen zusammenzuführen.

Priester als Berufung

Roman Giger wuchs in Mels auf. Einst Priester zu werden, konnte er sich bereits in seiner Kindheit gut vorstellen. Gleichzeitig hatte er aber auch immer den Wunsch zu heiraten und viele Kinder zu haben.

Um sich den Wunsch einer eigenen Familie aufrechtzuerhalten, entschied er sich für eine kaufmännische Lehre auf der örtlichen Gemeindeverwaltung. Die Arbeit habe ihm sehr gut gefallen, und so blieb er nach der Ausbildung weiterhin auf der Gemeindeverwaltung. «Doch ich habe gemerkt, dass es nicht meine Berufung ist», erklärt Giger. So entschied er sich doch noch, Priester zu werden. Als überzeugter St.Galler Oberländer schrieb er dem damaligen Bischof Otmar Mäder einen Brief, in dem er darlegte, in Mels Pfarrer werden zu wollen.

Die Antwort kam prompt zurück. Darin hiess es: «Nirgends ist ein Prophet so ungeachtet wie in seiner Heimat.» Nach der Matura auf dem zweiten Bildungsweg und einem längeren Aufenthalt in Südamerika nahm Giger dann unbeirrt dessen, wohl nicht in Mels Pfarrer zu werden, das Theologiestudium in Angriff.

«Ich bin ein fröhlicher Mensch»

Seit elf Jahren ist Giger nun Priester. «Der Zölibat ist für mich eine gute Lebensform», sagt er. Man müsse aber auch die Gabe haben, in gewissen Zeiten allein sein zu können, fügt er hinzu. Ein Mensch könne gut ohne Partnerschaft leben, die Nähe zu anderen Menschen und im Austausch mit ihnen zu bleiben, ist für ihn aber wichtig. «Ich bin ein fröhlicher Mensch und will als zölibatärer nicht zum Eigenbrötler werden», sagt er.

Wie schwierig es ist, als Seelsorger die Anforderungen der Gemeinde und jene einer eigenen Familie unter einen Hut zu bringen, sieht er bei den Diakonen. Trotzdem wäre er dafür, dass eines Tages der Pflichtzölibat abgeschafft würde und den Priestern selbst die Wahl überlassen wäre.

Gastfreundliches Pfarrhaus

Der neugewählte Stadtpfarrer ist pünktlich ins frisch renovierte Pfarrhaus eingezogen. «19 Jungwacht-Leiter haben beim Umzug mitgeholfen», erzählt der liebenswürdige Oberländer.

«Das Pfarrhaus soll ein gastfreundliches Haus sein», fügt er an. Regelmässig kommen Gäste aus der Pfarrei zum Essen oder einem geselligen Abend vorbei. Auch beherbergt er ab und zu verschiedene Priester aus dem Ausland, die für einige Wochen in der Pfarrei Wil mithelfen. «Ich bin froh um das grosse Haus», sagt er und lässt es sich nicht nehmen, alle Räume inklusive seinem Schlafzimmer zu zeigen. An den Wänden hängen unterschiedliche Bilder, denn Giger ist ein «grosser Bilderfan».

Auch Künstler sind schon auf Besuch gewesen, um im Pfarrhaus zu malen. So gastfreundlich wie er ist, schätzt er es auch, selbst auf Hausbesuche zu gehen. «Ich besuche beispielsweise jede Familie, die bei mir ein Kind tauft», erklärt er. Die jungen Familien möchte er stärker berücksichtigen, sie liegen ihm speziell am Herzen. Denn sie suchen Orientierung in der Wertvermittlung.

Ausserdem würden die Eltern durch Fragen der Kinder zwangsläufig mit religiösen Themen konfrontiert werden.

Lebensaufgabe gefunden

Die Aussicht vom Balkon des Büros ist überwältigend. Giger zeigt zum Säntis und den Churfirsten, auch ein Teil der Glarner Alpen rücken ins Blickfeld des Stadtpfarrers. Für ihn eine Symbolik, auch in seiner Pfarrei den Blick fürs Ganze nicht zu verlieren. Giger hat seine Berufung gefunden. Bei einem Besuch bei ihm wird schnell klar, dass er eine grosse Liebe zu den Menschen besitzt.

Und er fühlt sich verantwortlich, immer für sie da zu sein. Ein Mensch sei dann glücklich, wenn er seine Aufgabe im Leben gefunden habe. «Ich bin nicht so glücklich wie am ersten Tag als Priester, sondern noch viel glücklicher, denn nach elf Jahren in meinem Beruf glaube ich, meine Lebensaufgabe gefunden zu haben.»

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