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Den Blick nach vorne nie verloren

Gabriela Schürch ist von Geburt an blind. Eine missglückte Augenoperation machte alles noch schlimmer. Doch es gibt immer wieder Lichtblicke in ihrem Leben. Vor fünf Monaten hat sie durch eine Blindbewerbung den Traumjob gefunden.
Ursula Ammann
Gabriela Schürch kennt sich mit Smartphones und Co. bestens aus. (Bild: Ursula Ammann)

Gabriela Schürch kennt sich mit Smartphones und Co. bestens aus. (Bild: Ursula Ammann)

WIL. Zielgerichtet geht Gabriela Schürch in die Küche, holt Tassen und Unterteller aus dem Schrank, lässt Kaffee aus der Maschine und bringt ihn auf den Balkon. Über die hohe Türschwelle hat sie einen grossen Schritt genommen – fast so, als hätte sie diese sehen können. Gabriela Schürch ist seit ihrer Geburt blind. Um sich in ihrer eigenen Wohnung in Wil zurecht zu finden, brauchte sie einige Zeit. Nach 14 Jahren kennt sie diese mittlerweile aber in und auswendig.

Auf dem Laminatboden liegt kein einziges Staubkorn, alles glänzt. Von ihrer Mutter habe sie gelernt, richtig zu putzen, sagt Gabriela Schürch. Als Kind wurde sie nicht von den Hausarbeiten befreit, «nur» weil sie blind war. Auch den Weg in den Kindergarten ging sie alleine, was im Dorf für Kopfschütteln sorgte. «Einige wollten meine Mutter sogar anzeigen, weil sie ihr blindes Mädchen alleine auf die Strasse schickte», erzählt Gabriela Schürch. «Heute bin ich dankbar dafür, dass ich zur Selbständigkeit erzogen wurde.»

Nach München für die Musik

Aufgewachsen ist Gabriela Schürch in Chézard im Kanton Neuenburg. «Ich hatte eine glückliche Kindheit», sagt sie. «Nichts zu sehen war für mich einfach normal». Als 7-Jährige kam sie von zu Hause fort – in ein Heim für Blinde und Sehbehinderte in Zollikofen. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr blieb sie dort, danach absolvierte sie die Handelsschule. Doch ihr Herz schlug für mehr als für deutsche und französische Korrespondenz: So reiste sie mit 19 Jahren nach München, um Musik zu studieren – Klavier im Hauptfach, Gitarre im Nebenfach. Zum Unterrichten reicht ihr Abschluss heute zwar nicht, doch die Freude am Musizieren hat sie stets im Gepäck. Neben Klavier spielt Gabriela Schürch auch Keyboard, Schwizerörgeli und Akkordeon. Einmal im Monat tritt sie mit einer zusammengewürfelten Formation an der Stobete in Bauma auf.

Operation brachte Schmerzen

Auf Anraten ihres Vaters unterzog sich Gabriela Schürch mit 26 Jahren einer Augenoperation. Sie werde wieder zu 50 Prozent sehen können, versprach ihr der französische Chirurg, der sich später als Pfuscher entpuppte. Während die junge Frau vorher noch hell und dunkel wahrnehmen konnte, nahm ihr die Operation noch das letzte, was sie hatte. Fortan plagten sie Schmerzen und Allergien – unter anderem gegen Hundehaare. Mit ein Grund, weshalb Gabriela Schürch nie einen Blindenhund an ihrer Seite haben könnte.

«Ich bin heute noch nicht über diese Operation hinweg», sagt die 49-Jährige. Ihre Welt ist dadurch dunkler geworden. «Nur manchmal kann ich einen Lichtblick wahrnehmen», sagt sie. Es sei dann so, als würde jemand mit einer Taschenlampe leuchten.

Die Stimme im Telefon

Einen Lichtblick erlebt Gabriela Schürch derzeit im Berufsalltag. Seit fünf Monaten arbeitet sie in einem Shop für Unterhaltungselektronik. Schon bevor sie dort tätig war, kannte sie sich mit Smartphones und Co. bestens aus, konfigurierte verschiedene Geräte für Freunde und Bekannte. Mit der Bildschirmlesetechnologie VoiceOver sind ihr im Umgang mit den Geräten keine Grenzen gesetzt. Die Stimme in ihrem IPhone oder Mac sagt ihr, welchen Buchstaben sie gerade drückt, welche Uhrzeit es ist oder wenn sie sich gerade auf dem Senden-Button befindet.

Gegen elf Bewerber durchgesetzt

Die Stelle im Shop war nicht ausgeschrieben. Gabriela Schürch hat sich blind beworben, worauf sie an eine Talenteinstellungsveranstaltung eingeladen wurde und sich gegen elf weitere Bewerber durchsetzte. «Ich habe meinen Traumjob gefunden», sagt sie.

Derzeit arbeitet sie 30 Prozent. Zusammen mit Ergänzungsleistungen und IV-Beiträgen kommt sie so auf ein Einkommen von 3900 Franken im Monat. Das reiche ihr, um zu leben, sagt die 49-Jährige. IV-berechtigt ist sie erst seit der missglückten Augenoperation. Eine angeborene Blindheit werde nicht als Behinderung anerkannt, erklärt sie.

Steve Jobs als Vorbild

Von Hindernissen und Lebenswirren lässt sich Gabriela Schürch nicht beirren. «Ich habe einen starken Willen, weiterzukommen», sagt sie. Ihr grosses Vorbild ist der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs. Sie ist überzeugt, dass er «von oben» ein Auge auf sie wirft und sie bei ihrer Arbeit unterstützt.

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