Des Überflusses überdrüssig: Die «Poschtitäsche» in Wil
kämpft seit zehn Jahren gegen Armut und Auswüchse der Wegwerfgesellschaft

Die Lebensmittelabgabestelle feiert dieses Jahr ihr 10-jähriges Bestehen. Dank des Engagements von über 40 Freiwilligen können von Armut betroffene Menschen in der Region finanziell etwas entlastet werden.

Gianni Amstutz
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Freiwillige sorgen jede Woche dafür, dass die Lebensmittelabgabe in der «Poschtitäsche» reibungslos funktioniert.

Freiwillige sorgen jede Woche dafür, dass die Lebensmittelabgabe in der «Poschtitäsche» reibungslos funktioniert.

Bild: Gianni Amstutz

Nur wenige hundert Meter vom Evangelischen Kirchgemeindehaus in Wil entfernt, wo wöchentlich die Lebensmittelabgabe Poschtitäsche durchgeführt wird, befinden sich die grossen Supermärkte. Die räumliche Distanz ist gering und doch liegen Welten dazwischen.

Auf der einen Seite herrscht Überfluss. In den Regalen reihen sich beinahe unzählige Sorten desselben Produkts, und auch abends, kurz vor Ladenschluss, sind die alle Gestelle gut gefüllt.

Auf der anderen Seite, in der Lebensmittelabgabe Poschtitäsche, landet das, was Folge dieser vom Bedürfnis der Kunden verursachten Überproduktion ist. Die Produkte sind dieselben, genauso wie die Qualität.

Doch wer hier einkauft, bezahlt praktisch nichts. Denn das Angebot, das mittlerweile seit zehn Jahren existiert, richtet sich an Menschen, die in bescheidenen finanziellen Verhältnissen leben.

Der Kampf gegen Foodwaste

Einmal pro Woche können sie in der Poschtitäsche nahezu gratis Lebensmittel beziehen. Sie bezahlen lediglich einen Unkostenbeitrag von zwei Franken. Das verschafft ihnen etwas Luft, denn das Geld, das sie sich durch die Lebensmittelabgabe der Poschtitäsche sparen, benötigen sie oft dringend in anderen Bereichen.

Doch die Poschtitäsche sei mehr als bloss ein Mittel zur Armutsminderung, sagt Diakonin Ursula Möck Zuber, Leiterin des Projekts Poschtitäsche.

«Durch die Lebensmittelabgabe können wir auch einen Beitrag gegen die Verschwendung von Lebensmitteln leisten», betont Ursula Möck Zuber. 46 Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr werden in der Poschtitäsche Wil verteilt – und damit vor der Mülltonne bewahrt. Angeliefert werden sie von der Schweizer Tafel, welche sie wiederum bei den Grossverteilern abholt.

Es sei aber angemerkt, dass der grösste Teil weggeworfener Lebensmittel nicht aus dem Grosshandel stammt, sondern in den Haushalten verursacht wird. Trotzdem scheint es absurd, dass einerseits so viel produziert wird, wie gar nicht konsumiert werden kann, während es gleichzeitig Personen gibt, die nur eines im Überfluss haben: den Mangel.

Armut hat viele Gesichter

Die beschränkten finanziellen Mittel sind jedoch das Einzige, was die Kundinnen und Kunden der Poschtitäsche gemeinsam haben. Ausländer, Schweizer, Alte, Junge, Alleinstehende, Familien: Armut hat viele Gesichter, wie sich zeigt. Ursula Möck Zuber sagt:

«Es gibt immer noch das Vorurteil, dass Armut in einem reichen Land wie der Schweiz selbst verschuldet ist und praktisch nur Ausländer betrifft. Das stimmt so einfach nicht.»

In Gesprächen mit den Besucherinnen und Besuchern hat sie erfahren, dass es manchmal wenig braucht, um in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten.

Lebensmittel beziehen dürfen in der Poschtitäsche alle, die eine Kulturlegikarte besitzen. Diese kann von Personen beantragt werden, die am oder unter dem Existenzminimum leben.

Für den Einkauf in der Poschtitäsche wird allerdings eine weitere Karte erstellt. Darauf wird vermerkt, wie viele Personen im Haushalt der entsprechenden Person leben, sodass beim Verteilen die Nahrungsmittel portioniert werden können.

Nur dank Einsatz von Freiwilligen möglich

Dass die Poschtitäsche in diesem Jahr bereits ihr zehnjähriges Bestehen feiern kann, wäre ohne das Engagement verschiedener Seiten nicht möglich. Da wäre einerseits die Schweizer Tafel, welche die Nahrungsmittel von den Grossverteilern anliefert, anderseits die Evangelische Kirchgemeinde Wil, die Räume und Personalressourcen zur Verfügung stellt.

Von links: Hans Mehr, Leiter Poschtitäsche, Diakonin Ursula Möck Zuber und Reto Toscan, langjähriges Mitglied des freiwilligen Helferteams.

Von links: Hans Mehr, Leiter Poschtitäsche, Diakonin Ursula Möck Zuber und Reto Toscan, langjähriges Mitglied des freiwilligen Helferteams.

Bild: gia

Aber vor allem die Hilfe der zahlreichen Freiwilligen macht es überhaupt erst möglich, dass die Poschtitäsche seit einem Jahrzehnt dazu beiträgt, dass durchschnittlich 80 Familien und Einzelpersonen pro Woche für zirka 250 Personen in den Haushalten in Wil und den Einzugsgemeinden der Evangelischen Kirchgemeinde während 50 Wochen im Jahr gratis Lebensmittel beziehen können.

Insgesamt 41 Helferinnen und Helfer engagieren sich über 2200 Stunden pro Jahr in ihrer Freizeit für die Poschtitäsche, viele von ihnen schon seit vielen Jahren.

Einer von ihnen ist Hans Mehr. Seit acht Jahren hilft er als Freiwilliger in der Poschtitäsche mit. Für ihn ist das eine Selbstverständlichkeit. Der ehemalige Polizist und Sozialarbeiter kennt die Lebensumstände von Menschen, die eine Unterstützung benötigen, wie sie die Poschtitäsche bietet, aus dem Effeff.

Deshalb sagte Hans Mehr vor acht Jahren spontan zu, als er angefragt wurde, ob er einmal aushelfen könne. Inzwischen ist er der Leiter der Poschtitäsche.

Ihm und den anderen freiwilligen Helferinnen und Helfern ist es zu verdanken, dass Menschen, die in bescheidenen finanziellen Verhältnissen leben, ein wenig entlastet werden und in der Poschtitäsche zudem einen Treffpunkt für den sozialen Austausch gefunden haben.