Dem Misstrauen entgegenwirken

Als erste eingesessene Bronschhoferin übernimmt Christa Grämiger (CVP) das Präsidium des Stadtparlaments. Die designierte höchste Wilerin äussert sich zur Gemeindevereinigung, Anspannung im Wahljahr und der Flüchtlingssituation.

Philipp Haag
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Frau Grämiger, Sie leben seit 30 Jahren in Bronschhofen. Wie fühlt es sich an, als erste eingesessene Bronschhoferin zur höchsten Wilerin ernannt zu werden? Der derzeitige Präsident des Wiler Stadtparlaments, Adrian Bachmann, wohnt ja erst seit ein paar Jahren im Ort.

Christa Grämiger: Ich empfinde es als Wertschätzung und Anerkennung dem Ortsteil Bronschhofen gegenüber. Ausserdem als ein Zeichen, dass Bronschhofen in der Stadt Wil angekommen ist.

Haben Sie den Eindruck, die Vereinigung ist nach drei Jahren nun endgültig vollbracht?

Grämiger: Ja, die Vereinigung ist geglückt. Bronschhofen ist mit Wil zusammengewachsen, sowohl gesellschaftlich als auch politisch und verwaltungstechnisch. Wichtig für das Selbstverständnis des neuen Ortsteils ist sicher, dass der Namen Bronschhofen weiter existiert.

Als was fühlen Sie sich, als Bronschhoferin oder als Wilerin?

Grämiger: Als Bronschhoferin mit Wiler Wurzeln. Ich ging 1978 als Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin von Wil, wo ich aufgewachsen bin, nach Bronschhofen und bin «hängen- geblieben». Obwohl Bronschhofen nun ein Ortsteil von Wil ist, bleiben die eingesessenen Einwohnerinnen und Einwohner im Herzen Bronschhofer und Bronschhoferinnen.

Sind tatsächlich alle kritischen Punkte geklärt?

Grämiger: Beim Kathi muss noch eine Lösung gefunden werden. Den Mädchen aus Bronschhofen und Rossrüti muss der gleiche Zugang gewährt werden wie den Schülerinnen aus Wil. Die Stadt soll ihr Schulgeld übernehmen. Ich hoffe, die Parlamentarierinnen und Parlamentarier genehmigen nächstes Jahr den überarbeiteten Nachtrag zum Kathi-Vertrag. So kann in Ruhe eine Oberstufenlösung mit Einbezug aller Aspekte erarbeitet werden.

Es ist möglich, dass ab dem Jahr 2017 nicht mehr neun Bronschhofer und Bronschhoferinnen im Parlament sitzen. Der Schutz des neuen Ortsteils fällt bei den Erneuerungswahlen im nächsten Herbst weg. Ein richtiger Entscheid?

Grämiger: Dass es zu einer Reduktion der Bronschhofer und Bronschhoferinnen im Parlament kommt, ist möglich. Den Schutz einzustellen, ist richtig. Die politische Separierung sollte aufgelöst werden. Ein Parlamentarier, eine Parlamentarierin vertritt die Bevölkerung der gesamten Stadt Wil.

Macht auch die Reduktion der Parlamentssitze von 45 auf 40 Sinn?

Grämiger: Ja, die Rückkehr zur ursprünglichen Grösse ist sinnvoll. Für eine Stadt wie Wil mit knapp 23 000 Einwohnern ist ein 40köpfiges Parlament die richtige Grösse. Die Reduktion um fünf Parlamentarier und Parlamentarierinnen ist verkraftbar.

Erwarten Sie, dass die Wahlen im nächsten Herbst während der Parlamentssitzungen in der Tonhalle spürbar sein werden?

Grämiger: Eine gewisse Anspannung wird vorhanden sein. Einige der wieder antretenden Parlamentarierinnen und Parlamentarier werden versuchen, verstärkt auf sich aufmerksam zu machen.

Wie?

Grämiger: Indem sie Vorstösse lancieren. Es darf aber nicht überhandnehmen. Eine gewisse Zurückhaltung muss angezeigt sein, um die Verwaltung nicht zu stark zu belasten. Jeder sollte sich fragen, bevor er einen Vorstoss einreicht, ob dieser der Sache und der Stadt dienlich ist.

Eine andere Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erlangen, ist es, laut und provokativ zu sein.

Grämiger: Ich hoffe nicht, dass es dazu kommt. Öffentliches Hickhack muss vermieden werden. Parlamentsarbeit sollte als «Miteinander» und nicht als «Gegeneinander» erfolgen. Der Ton muss anständig und der Umgang untereinander respektvoll sein.

Also so, wie es der in diesem Jahr eingeführte Verhaltenskodex für das Parlament verlangt.

Grämiger: Die Einführung war ein angebrachter Schritt. Es ist wichtig, dass sich die Parlamentarierinnen und Parlamentarier mit dem eigenen Verhalten auseinandersetzen. Ich werde darauf achten, dass der Verhaltenskodex eingehalten wird.

Durch die Querelen mit der Facebook-Affäre um Mario Schmitt und dem Kurzgastspiel von Sarah Bösch, die der Einführung zugrunde liegen, hat das Ansehen des Parlaments gelitten. Es wird als Chasperlitheater bezeichnet.

Grämiger: Der überwiegende Teil der Bevölkerung anerkennt, welche wichtige Aufgabe das Parlament für die Allgemeinheit erledigt. Die Geschichten um einzelne Parlamentarier wie Sarah Bösch und Mario Schmitt dürften überstanden sein, und es sollten der Respekt und die Anerkennung der Parlamentsarbeit nicht dauernd darunter zu leiden haben. Das erhoffe ich mir.

Wieso engagieren Sie sich politisch?

Grämiger: Ich möchte mich für die Gesellschaft einsetzen, wobei mich das Überwinden von kulturellen Grenzen, gekoppelt an die Integration von Migrantinnen und Migranten, besonders interessiert. Wil ist dabei auf einem guten Weg. Die kulturelle Vielfalt ist hoch, das Zusammenleben geordnet. Dass Ängste vorhanden sind bei der Bevölkerung, besonders wegen der schwierigen Flüchtlingssituation, ist verständlich. Dass nun teilweise Misstrauen geschürt wird, dem möchte ich, auch als Präsidentin des Wiler Stadtparlaments, entgegenwirken.

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