Dem Dschungel verfallen: Wie es einen Uzwiler nach Amazonien verschlagen hat

Alain Büchler engagiert sich für nachhaltige Landwirtschaft im tropischen Regenwald Brasiliens.

Tobias Söldi
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Seit 2013 haben schon 20 Volontäre Terra do Caju unterstützt und sich auf ein einfaches Leben im Regenwald eingelassen.

Seit 2013 haben schon 20 Volontäre Terra do Caju unterstützt und sich auf ein einfaches Leben im Regenwald eingelassen.

Bild: PD

Noch muss Alain Büchler in der winterlichen Kälte der Schweiz ausharren. Doch bald, in weniger als zwei Wochen, wird er Nebel und Schnee gegen Sonne und Hitze tauschen. Für zwei Monate reist der 33-jährige Uzwiler nach Brasilien, nach Autazes, eine kleine Gemeinde 90 Kilometer südöstlich der Metropole Manaus, tief im Amazonasbecken. Es ist sein fünftes Mal.

Dort engagiert sich der gelernte Automatiker seit mehreren Jahren beim Projekt «Terra do Caju». Auf 250 Hektaren Land betreibt der Zürcher Jürg Kunz mit mehreren Angestellten aus dem Nachbardorf und Helfern aus der Schweiz eine Farm, die dem Gedankengut der Permakultur verpflichtet ist. Noch befindet sich das Projekt in der Aufbauphase.

Permakultur im Dschungel: Terra do Caju

«Terra do Caju» ist ein privat finanziertes Projekt für tropische Permakultur in Amazonien, Brasilien. Dahinter steckt der Zürcher Jürg Kunz, der im Rahmen einer beruflichen Auszeit in den Amazonas zog. 2011 hat er mit der Gründung des gemeinnützigen Vereins Terra do Caju den Grundstein gelegt.

Terra do Caju produziert Nahrungsmittel jeglicher Art für die Region. Der Fokus liegt auf nachhaltigem Wirtschaften mit lokalen Ressourcen und autonomen Kreisläufen im Sinne des Permakultur-Gedankens. Permakultur ist ein nachhaltiges Konzept für Landwirtschaft und Gartenbau, basierend auf natürlichen Ökosystemen und Kreisläufen in der Natur. Weiter steht bei Terra do Caju das Wiederfruchtbarmachen degradierter Böden mit Hilfe von Terra Prata, eine nährstoffreiche schwarze Humuserde, im Vordergrund.

Längerfristiges Ziel ist es, herauszufinden, wie ertragreich verschiedene Kombinationen von Kultur- und Nativpflanzen sind und die Erkenntnisse aufzuarbeiten. Experimentiert wird etwa mit Bananen, Paranüssen und Cashewnüssen – auf Portugiesisch «Caju». (tos/pd)

www.terradocaju.org

Ohne konkreten Plan die Kündigung eingereicht

Wie verschlägt es einen Uzwiler in diese abgelegene Region? Büchler sagt:

«Ich war auf der Suche nach etwas Neuem, etwas, das mir entspricht und bei dem ich mich wohlfühle.»

Er hat bei Bühler eine Lehre als Automatiker absolviert, in verschiedenen Ländern als Auslandmonteur gearbeitet und war zuletzt als Lehrmeister tätig. Dann reichte er seine Kündigung ein. Ohne Plan, aber mit einer mehr oder weniger konkreten Vorstellung davon, was er suchte: eine Arbeit in und mit der Natur, bei der er Verantwortung übernehmen kann und autonom ist – und die er in einem heissen Land leisten kann.

2016 war Büchler das erste Mal in Brasilien. Über eine Kollegin ist er auf Terra do Caju aufmerksam geworden. Nachdem er sich mit dem Gründer Jürg Kunz in der Schweiz getroffen hat, entschied er sich, während vier Monaten zur Probe auf der Farm zu arbeiten. In einem Land, zu dem er bis dahin keinerlei Bezug hatte und dessen Sprache er nicht beherrschte: «Ein Abenteuer», lacht er.

Zur rechten Hand des Gründers geworden

Der Wechsel von der geordneten, gemässigten Schweiz in den heissen, feuchten Regenwald war nicht leicht. «Es war hart», erinnert sich Büchler: die Intensität der Sonne, das Kreuchen und Fleuchen der unzähligen Dschungelbewohner, die kulturellen Unterschiede, die fehlenden Sprachkenntnisse. Am Anfang galt es anzupacken: schreinern, schweissen, betonieren.

Aus vier Monaten ist mittlerweile ein ganzes Jahr geworden. Mehrmals war Büchler zwischen fünf Wochen und sechs Monaten in Brasilien und arbeitete in Terra do Caju. Heute ist er die rechte Hand von Kunz und das aktivste Mitglied des Vereins. Büchler arbeitet mittlerweile als Inbetriebnehmer bei Stadler Rail. Drei Monate des Jahres will er künftig in Brasilien verbringen. In der Schweiz hält er Vorträge, übernimmt die Kommunikation und hilft bei der Rekrutierung neuer Freiwilliger.

«Es geht um etwas Existenzielles»

Doch es ist nicht alles nur eitel Sonnenschein in Brasilien: Korruption, fehlende Ausbildung, Gewalt, Kriminalität und eine ausufernde Bürokratie prägen das Land genauso wie der Dschungel. «Oft muss man einfach länger dranbleiben, bis etwas funktioniert. Das ist anstrengend.» Dunkel ist es in Brasilien auch, wenn zu Beginn der Trockenzeit brandgerodet wird. «Am Horizont steigen riesige Rauchsäulen auf. Am Tag ist der Himmel mit schwarzer Asche versetzt», erzählt Büchler.

Die Schlagzeilen sind noch präsent: Im vergangenen Sommer wurde am Amazonas fast viermal mehr Waldfläche gerodet als in den Jahren zuvor. Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro treibt diese Entwicklung voran. Büchler kennt die Folgen:

«Ich bin mit dem Bus durch riesige abgeholzte Zonen gefahren. Nur am Horizont war ein Streifen Grün zu sehen. Das tut weh.»

Wenn der Urwald weg ist, davon ist er überzeugt, dann haben alle ein Problem. «Es geht um etwas Existenzielles.»

Terra do Caju setzt in beiden Bereichen an: Die Permakultur bietet einerseits eine Alternative zur Abholzung, im Sozialen anderseits setzt sich die Farm auch für die lokale Bevölkerung ein: mit Ausbildungsplätzen, Kursen oder einer Kochschule für gesunde Ernährung.

Gründer Jürg Kunz
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Gründer Jürg Kunz

Bilder: PD