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Dem Dorfladen der Zukunft auf der Spur

Nicht die Wirtschaft entscheidet über die Zukunft eines Dorfladens. Eine Macht ist weit stärker: die Konsumentinnen und Konsumenten – wenn sie sich dessen bewusst sind. Zwei Beispiele aus der Region verdeutlichen dies.
Hans Suter
Das Sortiment für einen Dorfladen zusammenzustellen, verlangt nach grosser Erfahrung sowie hoher Anpassungsfähigkeit an Kundenwünsche und Trends. (Bild: Hans Suter)

Das Sortiment für einen Dorfladen zusammenzustellen, verlangt nach grosser Erfahrung sowie hoher Anpassungsfähigkeit an Kundenwünsche und Trends. (Bild: Hans Suter)

Den Wandel zu beklagen, mag für kurze Zeit schmerzlindernd wirken. Ihn zu begreifen, kann dagegen unkonventionelle Lösungen ermöglichen. Dazu gehört das Anerkennen der Tatsache, dass das viel beklagte «Lädelisterben» nicht von gestern auf heute entstanden ist.

Vielmehr ist es das sichtbare Resultat eines über Jahrzehnte fortschreitenden Prozesses. In den 1950er- und 1960er Jahren wurden die ersten Einkaufszentren gebaut und als Zeichen des Fortschritts gefeiert. Zu jener Zeit waren die historischen Dorf- und Stadtkerne mit ihren verwinkelten Gassen das eigentliche Einkaufszentrum. Alteingesessene Familienunternehmen und Fachgeschäfte prägten das Bild. An den Bahnhöfen dagegen waren bestenfalls kleine Läden zu finden; zum Bahnhof ging man nur wegen des Verkehrsangebots.

Doch der Wandel ging weiter und die Gesellschaft wurde mobiler. Entlang der Autobahnen entstanden Shoppingcenter, ebenso an den grösseren Bahnhöfen. Das Einkaufen wurde zum Erlebnis. Die Folge: Viele klassische Läden in den Dorfkernen wie Lebensmittelläden, Molkereien, Metzgereien oder Bäckereien konnten mit den unaufhörlich wachsenden Detailhandelsketten nicht mehr Schritt halten und verschwanden nach und nach.

Einkaufstourismus und Onlinehandel setzen zu

Wer diesen Strukturwandel antizipieren konnte, dem droht seit einigen Jahren bereits neue, möglicherweise noch härtere Konkurrenz: Einkaufstourismus und Onlinehandel.

Begünstigt durch den schwachen Euro (oder starken Franken) kehrten viele Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten nach der Aufgabe der Frankenuntergrenze zum Euro dem hiesigen Detailhandel den Rücken und tätigten ihre Wocheneinkäufe vermehrt in Konstanz oder anderen grenznahen Einkaufszentren. Das Fatale: Es blieb nicht bei einigen wenigen Malen, es wurde bei vielen eine Gewohnheit daraus.

Der Dorfladen um die Ecke wird nur noch berücksichtigt, wenn Mehl oder Zucker ausgegangen sind. Dass von solchen «Notkäufen» kein Laden existieren kann, liegt auf der Hand. Doch es kommt noch dicker. Der Onlinehandel oder E-Commerce ermöglicht es, in der ganzen Welt rund um die Uhr einzukaufen, ohne die Wohnung oder gar das Land verlassen zu müssen. Mit wenigen Klicks kann alles geordert werden, was vermeintlich benötigt oder zumindest gewünscht wird: Bücher, Kleider, Parfüms, Schuhe, Uhren, Schmuck, technische Geräte, Medikamente, Lebensmittel. Die Liste liesse sich nahezu endlos fortsetzen.

Während dieses Geschäftsmodell des Onlinehandels boomt, sind die klassischen Fachgeschäfte vom Niedergang bedroht. Die Umsätze sinken von Jahr zu Jahr, die Margen sind unter Druck, es droht der Abbau von Arbeitsplätzen.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Konsumenten zwar gerne die Beratung durch ausgebildete Fachkräfte nutzen, dann aber beim billigsten Anbieter im Internet oder Ausland kaufen. Mittlerweile ist in Teilen der Bevölkerung ein Umdenken zu beobachten. Es wird erkannt, dass der Dorfladen mehr ist als der Notversorger, wenn die Butter oder das Toilettenpapier vergessen gingen. Dorfläden sind auch ein Ort der Begegnung. Zwei Beispiele in Lenggenwil und Wuppenau, wo je ein Laden durch Initiativen aus der Bevölkerung entstanden ist, verdeutlichen dies. Sie zeigen aber auch: Es gibt kein Patentrezept für den Dorfladen von morgen.

Wenn sich die Bevölkerung den eigenen Dorfladen kreiert

Die Nahversorgung der Bevölkerung mit Gütern des täglichen Bedarfs steht vor grossen Herausforderungen. Der Dorfladen als Ort der Begegnung verschwindet zunehmend aus den Dörfern. Diese Entwicklung hat die Regio Wil veranlasst, die Gemeindepräsidenten der Region zu einem «Dorfbesuch» einzuladen, um am Beispiel zweier Läden zu thematisieren, wie dem «Lädelisterben» begegnet werden kann.

Erstes Beispiel ist der Dorfladen in Lenggenwil. 34 Jahre führte die Konsumgenossenschaft etwas versteckt einen Dorfladen. Im Dezember 2017 ist der Laden umgezogen in ein neues Lokal. Das Besondere: Eigentümer des Ladenlokals ist nicht ein Detailhandelsriese, sondern der örtliche Bühnenverein. «Dieser Verein ist quasi die Holding aller Dorfvereine», erklärt Walter Hollenstein, Präsident der Konsumgenossenschaft. Der Laden gehört sozusagen der Bevölkerung und führt rund 5000 Artikel. Bezogen werden sie von Cash + Carry Angehrn (CCA) und lokalen Produzenten. In den Dorfladen ist auch eine Postagentur integriert. «Das hat sich als sehr wertvoll erwiesen», sagt Gemeindepräsident Simon Thalmann.

Obwohl der Dorfladen ein Ort der Begegnung ist, findet man in Lenggenwil kein Bistro. Der Grund liegt in der «Krone» nebenan, die umfassend saniert worden ist: Es soll eine unnötige Konkurrenzierung verhindert werden. Auffallend ist auch, dass im Frischebereich kaum Bioprodukte zu finden sind. Auch das hat seinen Grund: «Viele Einwohnerinnen und Einwohner haben ihren eigenen Garten, weshalb Bioprodukte kaum nachgefragt sind», sagt Walter Hollenstein. Alles in allem existiert der Laden dank viel Fronarbeit von Vorstand und Vereinsmitgliedern sowie der steten Anpassungsfähigkeit an die Bedürfnisse der Kundschaft. Der Dorfladen ist zugleich Integrationszentrum.

Das zweite besuchte Beispiel ist der Dorfladen in Wuppenau. Der «Dorfmarkt Vita plus» ist ebenfalls aus einer Initiative aus der Bevölkerung entstanden und weist noch eine zusätzliche Besonderheit auf.

Das «plus» steht für ein Tagesstruktur-Angebot für Frauen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung keine Erwerbstätigkeit ausführen können. Für Miriam Ritetz vom Leitungsteam erfüllt der 300 Quadratmeter grosse Laden damit drei Funktionen: umfassendes Sortiment an Artikeln für den täglichen Bedarf, Treffpunkt und «Integration der besonderen Art». Die angebotenen Produkte stammen von 70 bis 80 Lieferanten aus der Umgebung (60 Prozent) und von CCA (40 Prozent). Wie in Lenggenwil hat man sich für CCA entschieden, weil man völlig frei in der Sortimentsgestaltung ist.

Im Dorfmarkt stechen zwei Punkte sofort ins Auge: Es gibt eine bediente Käsetheke mit Offenverkauf, und an bester Lage steht ein Tisch mit Stühlen statt ein Warengestell. Das macht den Dorfladen zum Ort der Begegnung. Was sich auch in den Umsatzahlen zeigt. Laut Präsident Martin Imboden machen Autofahrer, die kurz anhalten und etwas einkaufen, nur 20 bis 25 Prozent des Umsatzes aus. Der weitaus grösste Anteil entfällt auf die Dorfbevölkerung.

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