Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Delicatessen à la Madame Tricot

Die Wilerin Dominique Kähler Schweizer erlangte internationale Bekanntheit mit ihren Lebensmitteln aus Wolle. Ihre Installationen kommen nicht nur schön daher, sondern können auch makaber sein.
Arcangelo Balsamo
Dominique Kähler Schweizer strickt seit vier Jahren Lebensmittel in 3D. (Bild: Daniel Ammann)

Dominique Kähler Schweizer strickt seit vier Jahren Lebensmittel in 3D. (Bild: Daniel Ammann)

Wer sich das Buch «Delicatessen» von Dominique Kähler Schweizer, alias Madame Tricot, kauft und sich darin Tips und Tricks zum richtigen Umgang mit Stricknadeln erhofft, der wird bereits auf der dritten Seite enttäuscht. Dort steht explizit geschrieben, dass es sich um ein Kunstbuch handelt. Denn was die 68jährige Wilerin aus Wolle strickt, sehen zwar einige Leute als Spielzeug an, aber in Wirklichkeit sind es Kunstobjekte. Madame Tricot ist es egal, ob den Leuten ihre Kunst gefällt, denn sie strickt, weil es ihr Spass macht. «Es ist für mich eine Art Meditation, und es beruhigt mich. Der Weg ist das Ziel», sagt sie. Ihrem Hobby geht sie an den verschiedensten Orten nach: «Egal ob im Auto, im Restaurant, im Flugzeug oder im Zug, man kann überall stricken.»

Das Buch, das sie mit Unterstützung der Stadt Wil und Thurkultur realisiert hat, zeigt 68 Bilder von ihren Arbeiten der vergangenen vier Jahre. Darunter befinden sich unter anderem die gestrickte Metzgerei, die Räucherkammer und das makabre Buffet. Die Fotos aus dem Buch stammen von Daniel Ammann. Die Texte hat Dominique Kähler Schweizer selbst geschrieben, sowohl die französischen als auch die deutschen.

Künstler und Museen nehmen sie ernst

Es ist zwar das erste Buch, in welchem sie ihre Kunstobjekte zeigt, jedoch nicht das erste überhaupt. Die gelernte Medizinerin und Psychiaterin veröffentlichte bereits zuvor drei Bücher zum Thema Blutegeltherapie und erlangte dadurch in Fachkreisen internationale Beachtung. Eines davon gilt gar als Standardwerk in der Branche. Das Schreiben dieser Bücher war nicht nur mit Spass verbunden, handelte es sich doch um wissenschaftliche Texte, bei welchen man jede Aussage belegen muss.

«Ich wollte nun ein Buch schreiben, das Spass macht», sagt sie zu ihrem neuesten Werk. Sie sei selbst überrascht gewesen, dass sie aufgrund der Strickerei plötzlich von den Medien, wie etwa dem Schweizer Fernsehen, angefragt wurde. Sie ist jedoch nicht nur hierzulande bekannt. Kürzlich wurde Madame Tricot vom US Magazin «Fiber Art Now» auf der Liste der 13 aufstrebenden Künstlern geführt. Neben ihr hat es lediglich noch eine weitere Künstlerin aus Grossbritannien auf die Liste geschafft, der Rest kommt aus Nordamerika. «Ein Ritterschlag für eine kleine Wilerin», sagt die gebürtige Französin dazu. Sie freut es, dass sie von Designern, Künstlern und Museen ernst genommen und nicht als die strickende Oma von nebenan belächelt werde.

Belegt wird dies durch die zahlreichen Ausstellungen, für die sie bereits Installationen hergerichtet hat. Beispielsweise im September im Museum der Kulturen in Basel oder aktuell im Burgrainmuseum in Alberswil bei Luzern. In letzterem stellt sie einen Mülleimer mit gestrickten Abfällen, wie etwa verschimmelten Würsten und verfaulten Äpfeln, aus. Das Beispiel zeigt auf, dass Madame Tricot nicht nur schöne, ja fast schon kitschige Sachen strickt. «Ich bewege mich gerne an der Grenze oder durchbreche sie auch», sagt sie. «Vieles was vor 50 Jahren noch unmöglich gewesen wäre, wird heutzutage akzeptiert.»

Raser-Mortadella und Velofahrer-Ballotine

Die Künstlerin strickt jedoch nicht nur Lebensmittel, sondern unter anderem auch menschliche Organe. «Ich stricke alles, solange es keine Seele hat, denn diese kann ich nicht reproduzieren», sagt sie. Mit ihrem anatomisch korrekten Herzen erzielte Madame Tricot in diesem Jahr den ersten Platz bei den Schoppel-Knit (Englisch für Stricken)-Awards. In ihrem Buch werden, unter dem Motto Wiederverwertung unnötiger Tode, ausserdem tote Menschenköpfen präsentiert. Natürlich sind auch diese aus Wolle. Dominique Kähler Schweizer bezeichnet diese als Raser-Mortadella und Velofahrer-Ballotine. Auch in ihrem Atelier stösst man auf Objekte, bei denen der eine oder andere die Nase rümpft. Beispielsweise der Schrein des heiligen Bimbams, in welchem ein männliches Geschlechtsteil hängt. Für die Olma hat Madame Tricot hingegen eine weniger provokative Installation vorbereitet. In der Halle sechs, am Stand des Milchbauernverbandes, stellt sie als Hommage an den Gast aus Liechtenstein fürstliche Pasteten und Kuchen aus.

Wer sich mit der 68-Jährigen mit der markanten roten Brille über Kunst oder das Stricken austauschen möchte, kann dies am 7. November in der Stadtbibliothek tun. Unter dem Motto «Wolle und Geschichten» werden bei Kaffee und Kuchen Tricks und Tips ausgetauscht. Zudem wird sie ihr Buch vorstellen und auch signieren.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.