DEGERSHEIM: Modelleisenbahn ersetzt das Stethoskop

Der Degersheimer Hausarzt Thomas Mayer wurde im vergangenen April 65 Jahre alt. Nach 31 Jahren Wirken als Haus- und Amtsarzt und dem Aufbau des Ärztezentrums im Dorf geht er nun in Pension, und er legt sich eine Modelleisenbahnanlage zu.

Michael Hug
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Am 26. Juli wird Thomas Mayer letztmals Patienten behandeln. Dann geht er in Pension, bleibt aber in Degersheim wohnhaft.. (Bild: Michael Hug)

Am 26. Juli wird Thomas Mayer letztmals Patienten behandeln. Dann geht er in Pension, bleibt aber in Degersheim wohnhaft.. (Bild: Michael Hug)

Michael Hug

redaktion@wilerzeitung.ch

Der Schritt vom aktiven Berufsleben in den Ruhestand steht unmittelbar bevor. Anlass genug, zurückzuschauen und einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Thomas Mayer, Sie haben 1986 in Degersheim als Hausarzt begonnen. Warum hier?

Damals gab es als ausgebildeter Mediziner nur die Möglichkeit, in einem Spital angestellt zu sein oder selbstständig eine Praxis zu führen. Ich habe mich für die Selbstständigkeit entschieden. Zu jener Zeit herrschte ein Ärzteüberfluss, aber in Degersheim gab es eine Möglichkeit. Zudem wohnte ich bereits in der Nähe.

Was hat Sie dann zum Bleiben bewogen?

Eine Praxiseröffnung bedeutet eine Investition, da kann man ja nicht einfach wieder gehen. Zudem gefielen mir Gegend und Dorf. Ich fand rasch gute Kontakte.

Was waren die Highlights in Ihrer Laufbahn, schöne und weniger schöne Erfahrungen?

Sicher bleiben die langjährigen Beziehungen in Erinnerung, gerade auch, wenn man zusammen schwierige Momente bewältigt hat. Dann hatte ich immer ein sehr gutes Praxisteam. Belastender waren die Aufgaben als Amtsarzt, wo man es fast ausschliesslich mit ungefreuten Ereignissen zu tun hat. Medizinisch ist man stolz, wenn man richtige Diagnosen stellt und erfolgreiche Behandlungen durchführt. Ebenso ärgert es, wenn eine Situation nicht richtig eingeschätzt wird. Dann beschäftigt es oft tagelang.

Welches waren die grössten Veränderungen in Ihrem Métier?

Sehr positiv habe ich die Bildung von Ärztenetzwerken empfunden, weil man als damaliger Einzelpraktiker oft auf sich allein gestellt war. Dann ist der Arztberuf weiblicher geworden. Heute sind etwa zwei Drittel der Mediziner Ärztinnen. Gruppenpraxen sind im Trend. Negativ fällt die zunehmende Bürokratie auf. Sie frisst sehr viel Zeit und Energie.

Warum wollen junge Ärzte nicht mehr Hausärzte werden?

Der Hausarztberuf ist immer noch attraktiv. Der Mangel ist in erster Linie in der Feminisierung des Berufes und dem Trend nach Teilzeitarbeit begründet. Die Ausbildungsstellen wurden aber kaum erhöht. Ohne ausländische Ärztinnen und Ärzte würde unser Gesundheitssystem kollabieren.

Wie könnte man das ändern? Es muss nun in die Ausbildung investiert werden. Anderes, was als belastend empfunden wurde, hat sich bereits verbessert: die Arbeit in Gruppenpraxen, weniger Notfalldienste, das Einkommen.

Waren Sie selbst auch mal krank, und wie liessen Sie sich behandeln?

Ich bin grundsätzlich sehr gesund. Vor Jahren litt ich infolge von Arbeitsüberlastung einige Wochen an Erschöpfung, was mich zum Aufbau einer Gruppenpraxis bewog. Dann hatte ich einige schwere Prostataentzündungen. Ich liess mich jeweils durch bekannte Kolleginnen und Kollegen behandeln und die Eingriffe fanden im Spital Flawil statt.

Wie haben Sie Ihren Rückzug geplant? Ich habe seit fünf Jahren mein Pensum allmählich reduziert, hatte also in den letzten Jahren schon etwas mehr Freizeit. Dann habe ich das Amt des Verwaltungsratspräsidenten des Ärztenetzwerks säntiMed angenommen, etwas, was mich interessiert und das ich weitermachen werde. Mit der Praxis haben wir den Rückzug in kleinen Schritten geplant und kürzlich an einer ganztägigen Retraite intensiver diskutiert.

Und verlief alles nach Plan? Ja. Ich werde das Ärztezentrum nach meiner Pensionierung noch einige Zeit beratend begleiten, wenn es gewünscht wird. Aber jeden Tag vorbeischauen – nein, das werde ich nicht!

Wann werden Sie Ihren letzten Patienten oder letzte Patientin behandeln?

Am 26. Juli, vor den Sommerferien des Ärztezentrums. Übrigens: Die neue Equipe plant, das Zentrum immer offen zu halten.

Was werden Sie als Erinnerungsstück von ihrem Arbeitsplatz mitnehmen?

Vor allem die Erinnerungen. Dann hängt noch ein Bild des Dickener Malers Karl Uelliger an einer Wand, das ich doch gerne zu Hause hätte.

Was machen sie mit der gewonnenen Zeit?

Zu Hause soll eine grössere Modellanlage entstehen, mit moderner Steuerung. Und dann sind ja noch Frau, Enkel, Velo, Computer, um einiges zu nennen. Ich rechne nicht mit Langeweile!