DEGERSHEIM: Menschen grasten mit dem Vieh

Am 1. August 1816 wurde vielerorts in der Schweiz geheizt. 28 Regentage und kaum einen Sonnenstrahl hatte der Juli beschert. Der Sommer, der keiner war, führte speziell in der Ostschweiz zu Missernten. In Degersheim starben 77 Menschen den Hungertod, im Kanton St.Gallen 8067.

Andrea Häusler
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Aquarell auf dem Andenkenblatt «Merkwürdige Beschreibung der beispiellosen Teuerung des Jahres 2017»: Hungernde grasten mit dem Vieh. (Bild: Aus «Degersheim von der Vergangenheit bis zur Gegenwart»)

Aquarell auf dem Andenkenblatt «Merkwürdige Beschreibung der beispiellosen Teuerung des Jahres 2017»: Hungernde grasten mit dem Vieh. (Bild: Aus «Degersheim von der Vergangenheit bis zur Gegenwart»)

DEGERSHEIM. Regen- statt Sonnenschirm, Gummistiefel statt Sandalen, Langarmpulli statt Badehose: Die Schweiz grämt sich ob dem bisher nasskalten Sommer. Jammern auf hohem Niveau. Zumindest im Vergleich zum Sommer 1816, der vor allem dem Osten der Schweiz Missernten, Hunger und Tod gebracht hatte. Die Tragödie jährt sich zum 200. Mal.

Für Degersheims Gemeindepräsidentin Monika Scherrer war dies Grund und Anlass, im Rahmen der Neuzuzügerbegrüssung an die Auswirkungen der Katastrophe zu erinnern. Umso mehr, als damit für Degersheim prägende Schicksalsjahre begannen, die 1818 mit dem Dorfbrand einen weiteren traurigen Höhepunkt erreichten.

Blitzableiter als Grund

«Obwohl die Nachricht über den gewaltigen Ausbruch des Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa im Jahre 1815 Europa längst erreicht hatte, stellte 1816 niemand einen Bezug her zwischen dem Vulkanausbruch und den gravierenden Temperaturabweichungen», sagte Monika Scherrer. «Um solche Zusammenhänge zu erkennen, war das klimatologische Wissen noch zu unvollständig. Wissenschaft und Bevölkerung legten sich für die Extreme stattdessen ihre ureigenen Erklärungen zurecht: Die Forscher machten die grossen Mengen Eis im Nordatlantik für die Abkühlung verantwortlich. Teile der Bevölkerung gaben den eben eingeführten Blitzableitern die Schuld am regnerischen Wetter.»

Teuerung von 500 Prozent

Ungeachtet der tatsächlichen Ursachen verringerten die klimatischen Anomalien das Pflanzenwachstum und damit die Erträge von Kartoffeln und Getreide. Bereits im Herbst 1816 wurden die Lebensmittel knapp. 1817 setzte dann nagender Hunger ein. Die Lebensmittelpreise stiegen sprunghaft an. Historische Daten zeigen, dass dieser Effekt in der Ostschweiz besonders ausgeprägt war. Im Untertoggenburg beispielsweise betrug der Preisanstieg 500 Prozent. Die Folgen des Vulkanausbruchs waren ein wesentlicher, aber nicht der einzige Grund für die Katastrophe. Eine wichtige Rolle spielte auch, dass nach den Koalitionskriegen gegen Napoleon die Speicher leer waren.

Das Ausmass der Not von damals spiegelt sich anschaulich in einem Eintrag des evangelischen Pfarrers in das Kirchenbuch. An Pfingsten 1817, schrieb er, habe er nur mit grösstem Aufwand ein Abendmahlbrot auftreiben können.

«Als die Äcker und Bäume im Sommer 1817 endlich zu einem Ertrag ansetzten, entlud sich am 4. Juli ein furchtbares Hagelwetter über Degersheim», berichtete Monika Scherrer, in Anlehnung an die Berichterstattung im «Degersheimer-Buch» weiter. «Alle Hoffnungen wurden zerschmettert. Gemeindeammann J. Konrad Stadler jedoch setzte alle Hebel in Bewegung. Gemeinnützige Gesellschaften, Behörden, die Landesregierung taten, was in ihren Kräften stand. Sie vermochten trotz der fast unerschwinglichen Preise, Lebensmittel anzukaufen und gleichmässig auf die Gemeinde aufzuteilen.»

150 Rubel für Degersheim

Als Folge der gemeinsamen Bemühungen wurde die sogenannte Rumford'sche (Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford erfand sie 1795 für die Soldaten) eingeführt. Die Spar- und Kraftsuppe (Graupen und gelbe Erbsen, gewürzt mit Salz und Wein- oder Bieressig) war günstig und sättigend. Die Zubereitung und Austeilung fand während dreier Monate im evangelischen und im katholischen Pfarrhaus statt. In Magdenau übernahm das Kloster diesen Dienst. Sogar vom Ausland erhielt die Region unerwartete Hilfe. Zar Alexander von Russland liess eine Summe von 100 000 Silberrubel an die schwer betroffenen ostschweizerischen Kantone anweisen, davon 400 für den Bezirk Untertoggenburg. Degersheim erhielt 150 Rubel.

Baumwolle für Arme

Nichtsdestotrotz schleppten sich die Überlebenden dahin, unfähig, für den eigenen Lebensunterhalt aufzukommen. Im Februar 1818 schaffte der Gemeinderat für die Armen Baumwolle an. Diese sollte versponnen, verwoben und dann verkauft werden. Auf Beschluss des Gemeinderates wurden die Arztrechnungen aus der Armenkasse beglichen. Trotz der schwierigen Situation war offensichtlich: Um die Armen in Degersheim war es besser bestellt als anderswo. Das war das Verdienst des Gemeindeammanns J. Konrad Stadler.

Resistenz gegen Krisen

«Das Beispiel des Tambora-Ausbruchs hilft uns, alle Einflüsse, die zu einer Hungersnot führen und ebenso die Reaktionen der Individuen und der Gesellschaft darauf, richtig einzuschätzen», resümierte Monika Scherrer.

Nicht zuletzt sei dieses Ereignis für die Beurteilung künftiger Klimafolgen wichtig. Zwar würden Krisen in Zukunft vielleicht nicht primär durch das Klima ausgelöst, aber es könne zu wirtschaftlichen und politischen Konstellationen kommen, in denen klimatische Effekte zu Krisen beitrügen. «Dies noch mehr, wenn davon Gesellschaften betroffen sind, die über wenig Mittel und Handlungsspielraum verfügen.»