DEGERSHEIM: Integration – Wort für Wort

«Quartierschulen» gibt es inzwischen in verschiedenen St. Galler Gemeinden. Freiwillige vermitteln Migranten in zweiwöchigen Intensivkursen Deutsch-Grundkenntnisse. In Degersheim war Besuchstag.
Andrea Häusler
Die Kursteilnehmer lernen einzelne Wörter kennen: visuell, auditiv und eben auch kinästhetisch. (Bild: Andrea Häusler)

Die Kursteilnehmer lernen einzelne Wörter kennen: visuell, auditiv und eben auch kinästhetisch. (Bild: Andrea Häusler)

Andrea Häusler

redaktion@wilerzeitung.ch

Degersheim gehört zu den Pilotgemeinden. Bereits im März war mit einer Quartierschule nach dem Konzept «Neues Lernen» der Stiftung Liechtenstein Languages (LieLa) gestartet worden. Dem Modell, das vom Trägerverein Integrationsprojekte propagiert und vom Verband der St. Galler Gemeindepräsidenten mit 5000 Franken pro Kurs unterstützt wird. Wobei die Kursleiterinnen – solche werden nun in Degersheim ausgebildet – Freiwillige sind, die lediglich eine Entschädigung erhalten. Instruiert werden sie von den insgesamt fünf Trainerinnen, die im Kanton tätig sind und in diesem Jahr bereits 150 Leiterinnen und Leiter ausgebildet haben.

Das Schulzimmer befindet sich im Degersheimer Feuerwehrdepot an der Steineggstrasse. Im Foyer haben sich die Absolventinnen und Absolventen des seit dem 20. November laufenden Kurses um einen Znünitisch geschart. Es ist eine multikulturelle Gruppe. Die Haare sind rot, blond, die Haut schwarz, braun oder weiss. Die Vor- und Familiennamen auf den Schildchen hingegen klingen schweizerisch: Meier - zum Beispiel.

Die neue Identität erleichtere es den Flüchtlingen, ihre Vergangenheit auszublenden, sich zu öffnen und miteinander in Kontakt zu kommen», begründet Daniela Graf, Ansprechpartnerin für die Quartierschulen im Kanton, am Besuchstag. Auch sie hat ihren Namen durch ein Pseudonym ersetzt, heisst an diesem Tag Nadine Ospelt.

Inzwischen sind die elf Frauen und Männer ins «Klassenzimmer» zurückgekehrt, setzen sich im Halbkreis um die Kursleiterin, die einen Stapel Zeichnungen mit Landschaften, Häusern, Läden behändigt hat. Jetzt geht es um die Wurst oder eben ums Wort. Und alle machen mit. Zeichnen mit den Armen eine Schlangenbewegung in die Luft, untermalen diese mit singenden Zischlauten und formulieren im Chor das Wort «Fluss».

«Sprechen ist eine zentrale Fähigkeit, Lernen mit Emotionen viel einfacher», sagt Martin Beck von den Liechtenstein Languages. Es gehe darum, die Lust aufs Lernen zu wecken. Der Blick in die Gesichter zeigt, dass man sich auf dem richtigen Weg befindet: Die Atmosphäre ist gelöst, die Motivation hoch, die Resultate verblüffend. «Kursleiter müssen auch Animatoren sein», ergänzt Daniela Graf. 500 Migrantinnen und Migranten seien bereits nach dem System unterrichtet worden. Bis Ende Jahr werde man total 42 Gemeinden im Kanton auf den Start mit einer Quartierschule vorbereitet haben.

Gezwitscher erfüllt den Raum im Depot, 22 Hände und 220 Finger bewegen sich. Aus elf Kehlen tönt es: «Park».

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