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DEGERSHEIM: Ein Schuss hat sich «verirrt»

Noch knapp zwei Wochen weilt Pastoralassistentin Bettina Flick in Palästina. Ihr aktueller Bericht aus dem Heiligen Land befasst sich mit Beduinenfamilien und ihrem oft gefährlichen Alltag.
Gut getarnt: Die Schafe von Beduinenfamilien. (Bild: PD)

Gut getarnt: Die Schafe von Beduinenfamilien. (Bild: PD)

«Für zwei Tage darf ich in die Realität des Jordan-Tals eintauchen. Hier hat die israelische Besatzung ein anderes Gesicht als in Hebron», schreibt die Degersheimer Pastoralassistentin aus ihrem Einsatz als Menschenrechtsbeobachterin von Peace Watch Switzerland in Palästina. Wir besuchen Beduinenfamilien. Der erste Tag beginnt früh, wir haben eine Stunde Autofahrt vor uns, bevor wir das Beduinendorf Khirbet Samra erreichen.

Nach dem Frühstück geht es los, mit einer grossen Herde Schafe steigen wir den Berg hinauf. Meine Kollegen erzählen, dass es selten so friedlich bleibt wie an diesem Tag. Immer wieder kommen israelische Soldaten oder Siedler, die die Schäfer vertreiben wollen. Im Gebiet von Khirbet Samra hat es sowohl illegale israelische Siedlungen als auch Militär-Zentren. Deshalb sind wir dabei: dass diese Kontakte friedlich bleiben. Das einzige grössere Ereignis an diesem Tag ist die Geburt eines Lämmchens. Völlig fasziniert schaue ich zu, wie das Mutterschaf das kleine Geschöpf trocken leckt. Auch der Esel kommt zu Hilfe und leckt mit. Und auch wenn das Lämmchen schon nach ein paar Minuten versucht, aufzustehen, wäre der Weg zurück doch zu weit. So packt es der Schäfer kurzerhand in die Satteltasche des Esels für den Rückweg. Das Mutterschaf weicht dem Esel nicht von der Seite, bis wir im Beduinendorf angekommen sind und das Lämmchen wieder der Mutter übergeben wird.

Frohgemut verabschieden wir uns, ein zweiter Besuch steht noch an für heute. In der Nähe von Al Aqaba besuchen wir ein weiteres Beduinendorf. Wir sitzen auf Plastikstühlen zwischen den Zelten, geniessen die wunderschöne Aussicht und freuen uns an den Blumen, die die Beduinen zwischen den Zelten in Kübeln gepflanzt haben. Was der Familienvater uns dann allerdings erzählt, passt nicht zu dieser friedlichen Stimmung. Zwei Nächte zuvor wurde direkt neben dem Dorf ein militärisches Training durchgeführt, bei dem scharf geschossen wurde. Er als Erwachsener könne damit umgehen, aber seine Kinder hätten die ganze Nacht geweint und grosse Angst gehabt. Nein, sie wurden nicht vorgewarnt, dass dieses nächtliche Manöver bei ihnen stattfinden würde. Auf dem Rückweg sehen wir von der Strasse aus israelische Soldaten, die einen Hügel hinaufrobben.

Militärtrainings gefährden die Beduinenfamilien

Am zweiten Tag stehen weitere Besuche bei Beduinen an. Ich freue mich, dass Abu Ismael mich wiedererkennt. Wir hatten ihn vor drei Jahren mehrfach besucht. Und sein Humor tut gut bei all den schwierigen Geschichten, die auch er uns erzählt. Erst ein paar Tage zuvor waren Jungs beim Schafe-Hüten in die Nähe eines Militär-Camps gekommen – und die Soldaten hatten Sound-Granaten auf die Schafe geworfen. Die Jungs seien sofort weggerannt, die Schafe seien dann den Jungs gefolgt. Es sei das zweite Mal gewesen in den vergangenen Wochen. Gerade jetzt, wo die Schafe ihre Lämmer gebären, ist es doppelt schwierig, wenn die Schafe und die Schäfer so erschreckt werden.

Wir fahren weiter. Unsere Kontaktperson in Khirbet Samra, mit dessen Sohn wir am Tag zuvor auf der Weide gewesen waren, hatte angerufen und uns mitgeteilt, dass ein Kind eine Kugel im Kopf hätte. Als wir ankommen, treffen wir den Vorsteher des Dorfes. Er erzählt uns, dass ein paar Tage zuvor ein nächtliches Militärtraining stattgefunden habe. Eigentlich sei das Training weit genug weg gewesen von den Zelten des Dorfes. Und so hätten sich die Eltern auch am nächsten Tag nichts weiter dabei gedacht, als sie sahen, dass ihr dreijähriger Sohn eine kleine Wunde am Kopf hatte. Als es dem Buben immer schlechter ging, fuhren sie mit ihm in ein Krankenhaus. Dort wurde er geröntgt und es wurde festgestellt, dass die Wunde nicht, wie vermutet, von einem Stein stamme, sondern dass eine Gewehrkugel im Kopf sei. Da hat sich eine Kugel vom nächtlichen Training wohl «verirrt».

Als wir mit dem Dorfvorsteher sprachen, warteten die Eltern noch darauf, mit dem Kind in ein Krankenhaus nach Israel fahren zu können. Dies, weil das palästinensische Spital sich nicht in der Lage sah, eine so komplizierte Operation vorzunehmen, um die Kugel aus dem Kopf des Kindes zu holen. (bf)

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