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DEGERSHEIM: Die Scherben eines Lebenswerks

Über die «Grossfamilie-Frei-Stiftung für das Kind und Bedürftige» ist der Konkurs eröffnet worden. Die Institution mit Sitz in Degersheim hat eine lange Tradition. Gründerin Heidi Frei ist tief erschüttert.
Andrea Häusler
Heidi Frei, die Ersatzmutter so vieler Waisen- und Sozialwaisen, im Alter von 82 Jahren. (Bild: Screenshot: Beobachter)

Heidi Frei, die Ersatzmutter so vieler Waisen- und Sozialwaisen, im Alter von 82 Jahren. (Bild: Screenshot: Beobachter)

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

«Es muss doch weitergehen.» Heidi Frei ringt mit ihren Emotionen, sucht nach Worten, fragt sich immer wieder: «Warum, warum nur wurden wir so schnell in den Konkurs geschickt?» Die Gründerin der Stiftung, die es Kindern und Jugendlichen, Sozialwaisen, Behinderten und Verhaltensauffälligen ermöglichen soll, in christlichen Grossfamilien oder Pflegefamilien zu leben, ist verzweifelt. Es ist ihr Lebenswerk, das in Trümmern liegt, ein Projekt, das sie mit ihrem verstorbenen Mann initiiert, umgesetzt und über Jahrzehnte mit viel Herzblut und unter Entbehrungen begleitet hatte. Aber nicht nur das: Heidi Frei schämt sich: «Ein Konkurs ist die grösste Schande überhaupt», sagt die inzwischen 90-Jährige. Und mit erstickter Stimme ergänzt sie: «Die Himmelsbank ist einfach leer.»

Ein Herz für Sozialwaisen

Die «Himmelsbank» ist das Konto, das seit den Anfängen des «Grossfamilien»-Projekts immer wieder mit Betreuungsbeiträgen, Spenden, Erlösen aus Lohnverzichten und Erbschaften geäufnet worden war. Diese Anfänge liegen beinahe 70 Jahre zurück. Es war im Jahr 1949, als sich Fritz und Heidi Frei vermählten und sich gelobten, ihre Herzen für Sozialwaisen zu öffnen und ihnen die Türen zu einem Familienleben zu öffnen. Sie hielten Wort. Nicht nur ihrer eigenen Kinderschar boten sie im zürcherischen Höngg ein Zuhause, sondern auch mehreren Pflegekindern und Sozialwaisen. Dies zu einer Zeit, in der Waisenhäuser in der Schweiz noch weit verbreitet waren. Heimaufenthalte, das wollte die gelernte Kinderpflegerin möglichst vielen Kindern ersparen. Denn diese bräuchten doch ein Mami, eine Familie und kein Heim. So dachte sie damals und denkt sie noch heute.

Degersheim als dritte Zweigstelle

1967 wurde die Privatinitiative mit der Gründung des «Patronats Grossfamilie Frei» zur Institution. Subventionen erhielten Fritz und Heidi Frei jedoch erst ab 1982. Es war das Gründungsjahr der «Grossfamilie-Frei-Stiftung für das Kind». Ein Jahr später wurde in Meilen die erste Zweigstelle eröffnet. Weitere sechs folgten: 1987 jene in Degersheim. Die dort domizilierte Grossfamilie führte Pflegetochter Petra als jüngste Hausmutter der Stiftung, ab 1993 Mirjam, die leibliche Tochter des Gründerehepaars. Zum fünfzehnjährigen Jubiläum der «Grossfamilie Frei – Stiftung für das Kind» wurde schliesslich, für Erwachsene, die ergänzende «Fritz und Heidi Frei-Bärtschiger Stiftung – zur Förderung der Lebensform Familie für Bedürftige» ins Leben gerufen.

Machtkämpfe im Stiftungsrat

Zum Eklat kam es um die Jahrtausendwende. Der neu besetzte Stiftungsrat wollte mit einem Heimkonzept mehr Subventionen generieren, erinnert sich Heidi Frei. «Das widersprach jedoch unserer Idee von familiären Strukturen.» Gemäss dem Jubiläumsbericht von Patronatspräsident Nikolaus Stadler «60 Jahre Grossfamilie Frei» schloss der neue Stiftungsrat das Gründerehepaar aus der eigenen Stiftung aus. Dessen Kinder taten es ihm gleich, womit der Weg zur Gründung einer neuen Stiftung, der «Grossfamilie-Frei-Stiftung für das Kind und Bedürftige» geebnet war. «Es folgten Massenkündigungen der Pflegeplätze und des Personals durch unsere eigenen Stiftungsräte. Einzelne Zweigstellen wurden geschlossen und zu Gunsten der Liquidität verkauft», beschreibt Nikolaus Stadler die damalige Situation. Die Entwicklung stürzte Heidi Frei in tiefe finanzielle und seelische Nöte. Geblieben waren ihr die drei behinderten Frauen Christel, Judith und Trudi. Christel, heute 56-jährig, lebte am längsten bei ihr. «Sie wurde mir dann ebenfalls weggenommen und in ein Heim gesteckt – aufgrund meines Alters. Und wegen fehlender Ausbildungsnachweise und Diplome», sagt sie.

Das Haus an der Hörenstrasse 20 hat Heidi Frei aus der Stiftung, der sie es einst geschenkt hatte, zurückgekauft. Hier lebt sie heute in einer Wohngemeinschaft mit einem Flüchtlingspaar. Sparsam, bescheiden – nichts anderes ist sie gewohnt. Wären die Stiftungsräte genügsamer, deren Gehälter entsprechend tiefer gewesen und hätte sie die (aus ihrer Sicht geschuldeten) Taggelder für die Betreuung einer behinderten Frau ausbezahlt erhalten, stünde die Stiftung jetzt nicht vor dem Aus. Davon ist Heidi Frei überzeugt. Die 90-Jährige hofft noch immer auf ein versöhnliches Ende. Das sei ja nicht verboten, sagt sie leise.

Die überschuldete Stiftung ist laut Publikation im kantonalen Amtsblatt Eigentümerin zweier Liegenschaften in Mogelsberg, sowie je eines Hauses in Hefenhofen und Stein. Die Eingabefrist dauert bis zum 13. April.

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