Degersheim
Der Schlachter in der Not: Adrian Klauser kommt dann zum Einsatz, wenn es für ein Tier keine Rettung mehr gibt

Adrian Klauser ist der neue Pächter des Schlachthofs in Degersheim. Damit hat er auch eine besondere Aufgabe übernommen: Er ist der Notschlachter der Gemeinden in der Region. Für diesen Job muss er rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Lara Wüest
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Als Notschlachter muss Adrian Klauser rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Als Notschlachter muss Adrian Klauser rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Bild: Lara Wüest

Es war in einer Nacht Ende Februar, als das Telefon läutete und Adrian Klauser zu jenem Notfall ausrücken musste, der sich ihm besonders ins Gedächtnis gebrannt hat. Erst einen Monat zuvor hatte er die Pacht des Degersheimer Schlachthofes übernommen. Vieles war für ihn noch neu.

In jener Nacht musste er eine Kuh notschlachten, die unter starken Koliken litt. Der Besitzer, ein Bauer aus der Region, brachte das Tier zu Klausers Schlachthof. Kaum hatte dieses den Transporter verlassen, brach es auf dem Vorplatz zusammen, weil die Krämpfe so stark waren. Klauser musste die Kuh sofort töten. Danach begann ein Wettlauf gegen die Zeit: Ein geschlachtetes Tier muss innerhalb von 45 Minuten ausgenommen werden, damit sich keine Fäulnisgase bilden und das Fleisch verdirbt.

Die tote Kuh aber lag an einem so ungünstigen Ort, dass Klauser mit dem Hebekran, mit dem er die toten Tiere sonst hochhebt, kaum an sie herankam. Als das letztlich doch gelang, war der Winkel zwischen Kran und Tier so ungünstig, dass Klauser die rund 500 Kilogramm schwere Kuh nicht direkt in den Schlachthof ziehen konnte. Tier hochheben, vorwärtsziehen, Tier ablegen, Kran anders positionieren. So arbeitete sich Klauser Meter um Meter voran. Die Minuten verstrichen und er befürchtete, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde. Er sagt:

«Das Schlimmste war, dass ich vor dem Bauern, dem die Kuh gehörte, wie ein Amateur gewirkt haben muss.»

Klauser brauchte damals eine halbe Stunde, bis er das Tier im Schlachthof hatte. Heute würde ihm so was nicht mehr passieren, mittlerweile ist er ein Routinier auf seinem Betrieb geworden. Er sagt: «Jetzt wüsste ich, dass ich die Kuh mit einer Kette und einem Auto viel schneller transportieren könnte.» An einem heissen Freitag im Juni sitzt der 30-Jährige, dessen Körper so durchtrainiert ist wie der eines Profisportlers, im Hinterzimmer seines Schlachthofes und erzählt von seiner Arbeit.

Er arbeitet lieber im Hintergrund

Klauser lernte einst Metzger, doch er merkte bald einmal, dass ihm die Arbeit auf dem Schlachthof besser gefällt als jene des Metzgers. Er arbeitet lieber im Hintergrund. Nach seiner Ausbildung fragte er deshalb Werner Hofer, den früheren Pächter der Schlachtanlage Degersheim, ob er ihm das Schlachten beibringen könnte.

Klauser gefiel die Arbeit. Und als sein Mentor Hofer wegen eines Zwists mit dem Verwaltungsrat der Notschlachtanlage und Umgebung AG seine Arbeit kündigte, übernahm er an dessen Stelle.

Eine besondere Verpflichtung

Nun ist Klauser also, erst 30-jährig, Chef eines Schlachthofes. Zu seinen Kunden zählen vor allem Bauern aus der Umgebung. Doch nicht nur. Wer den Schlachthof in Degersheim pachtet, geht eine besondere Verpflichtung ein: Er muss auch die Arbeit des Notschlachters für die Gemeinden in der Region übernehmen.

Der Schlachthof in Hintertschwil in Degershiem.

Der Schlachthof in Hintertschwil in Degershiem.

Bild: Lara Wüest

Wenn zum Beispiel ein Tier auf einem Bauernhof in der Umgebung einen Unfall hat und nicht mehr gerettet werden kann, bringen es die Besitzer zu ihm. Diese Arbeit ist anstrengend, weil jederzeit ein Unfall passieren kann. Und Klauser deshalb rund um die Uhr zur Verfügung stehen muss. Ausflüge mit seinen beiden kleinen Kinder und seiner Frau an den Wochenenden liegen nur drin, wenn er innerhalb einer Stunde wieder zurück auf dem Hof sein kann. Ferien sind, im Moment zumindest, unmöglich. Dazu müsste er erst eine Vertretung finden. Eine Person, der er seinen Betrieb anvertraut.

Zwischen 30 und 40 Tiere notgeschlachtet

Zwischen 30 und 40 Tiere hat Klauser seit dem Februar notgeschlachtet, wie viele genau, hat er nicht im Kopf. Darunter war die kleine Ziege, die mit einer Schluckstörung zur Welt kam und keine Nahrung aufnehmen konnte. Oder die trächtige Kuh, deren Kalb während der Geburt stecken blieb. Und der Büffel, der sich ein Bein gebrochen hatte.

Manche Einsätze waren in der Nacht, andere mitten am Tag. Auch das kann mühsam sein, weil er dann seine sonstige Arbeit unterbrechen muss. Trotzdem gefällt Klauser seine neue Tätigkeit. Er sagt:

«Ich bin gerne mein eigener Chef.»

Stets versucht er den Tieren den Stress so gut wie möglich zu ersparen. Er hält Kälbern zum Beispiel die Hand vor die Nüstern, um sie zu beruhigen. Erst dann zieht er den Abzug seines Gewehres. Das Töten der Tiere aber macht ihm keine Mühe. Es ist ein Teil seines Jobs. Ein Job, bei dem es letztlich darum geht, ein Lebensmittel herzustellen. Auch die notgeschlachteten Tiere werden am Ende zu Fleisch verarbeitet. Klauser bekommt schon mal zu hören, dass seine Arbeit nur jemand ohne Herz machen könne. Ihnen entgegnet er: Solange die Menschen Fleisch essen, muss jemand die Tiere auch töten.