DEGERSHEIM: «Carpe Diem» hinter dem Lenkrad

Der Schriftzug «Carpe Diem» ist von den Schaufenstern an der Hauptstrasse 73 in Degersheim verschwunden. Verkehrsschilder und Autos zieren stattdessen die Auslage: Die Fahrschule Keller ist eingezogen.

Andrea Häusler
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Isabel Keller (links) mit ihrer ersten Fahrschülerin Caroline Burtscher aus Wolfertswil und ihrem Vater Elmar.

Isabel Keller (links) mit ihrer ersten Fahrschülerin Caroline Burtscher aus Wolfertswil und ihrem Vater Elmar.

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

Lange hatten die Schaufensterauslagen an der Degersheimer Hauptstrasse leer gestanden, lange hatte Vormieter Adrian Bayard die Hoffnung genährt, dass in den Erdgeschossen der Liegenschaften 73 und 75 dereinst sein Saftladenkonzept umgesetzt würde. Diese hat sich nun endgültig zerschlagen. Und mit dem Scheitern des Projekts kehrt nun das (Geschäfts-)Leben in die Räume an bester Passantenlage zurück. Die Räume im Haus 73 sind bezogen, für jene in der Nachbarliegenschaft zeichnet sich ebenfalls eine Neuerung ab.

Floristin mit Benzin im Blut

Die kreativ und mit viel Liebe zum Detail gestaltete Schaufensterfront visualisiert, was im umgebauten Geschäftslokal ab sofort angeboten wird: Fahrstunden. Mit dem Schritt in die Selbständigkeit hat sich Isabel Keller einen Traum erfüllt. «Ich hatte schon immer Benzin im Blut», lacht die gelernte Floristin, die sich aufgrund fehlender Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven im Blumen- und Pflanzengeschäft umschulen liess und nun als Fahrlehrerin durchstarten will. Vorläufig beschränkt sie sich auf Lernfahrten mit und für Personenwagen. In einem zweiten Schritt möchte sie dann auch angehende Motorradlenker schulen. Jene Ausbildung hat sie noch aufgeschoben. Dass Fahrunterricht nach wie vor mehrheitlich von männlichen Kollegen angeboten werden, stört Isabel Keller nicht. Im Gegenteil. Gerade im Frausein sieht sie eine Chance, sich im Markt zu positionieren und zu behaupten: «Ich habe wiederholt von Frauen gehört, dass sie vorzugsweise bei einer Frau Fahrstunden nehmen würden», sagt sie. Die «Kellerfahrschule» mache dies nun möglich.

Degersheimer Familie – durch und durch

Isabel Kellers Firma ist im Aufbau. Ganz bei Null beginnt sie allerdings nicht. «Mein Vater betrieb zwischen 1980 und 1986 in Degersheim eine Fahrschule», sagt sie. Dann hat er die Selbständigkeit aufgegeben bzw. zum Hobby gemacht. «Der Familie wegen», wie Elmar Keller sagt. Oft habe er seine Kinder nur noch schlafend angetroffen. Keller wechselte zum Strassenverkehrsamt, kontrollierte auf der Motorfahrzeugkontrolle während sechs Jahren die Fahrtauglichkeit der Autos. Bevor er dann für die städtischen Verkehrsbetriebe in St. Gallen im Ausbildungsbereich tätig war. Wobei er über all die Jahre in Degersheim wohnen blieb. Dort wo er aufgewachsen ist, sich am Skilift vergnügt und im Hallenbad ausgetobt hatte, wolle er auch Steuern zahlen, macht er klar und ergänzt augenzwinkernd: «Obwohl es diesbezüglich attraktivere Gemeinden gäbe.»

Elmar Keller, der auch angehende Lastwagen- und Carchauffeure sowie Motorradlenker ausbilden darf, steht seiner Tochter mit seiner jahrelangen Erfahrung und seinem intakten Beziehungsnetz zur Seite. Und er unterrichtet auch Lernende auf Last­wagen, Cars und Motorrädern. «Obwohl ich ja eigentlich in Pension gegangen bin.»

Lange hat es leergestanden, das Schaufenster von «Carpe Diem» im Erdgeschoss der Liegenschaft Hauptstrasse 73. Jetzt präsentiert es sich liebevoll dekoriert. (Bilder: Andrea Häusler)

Lange hat es leergestanden, das Schaufenster von «Carpe Diem» im Erdgeschoss der Liegenschaft Hauptstrasse 73. Jetzt präsentiert es sich liebevoll dekoriert. (Bilder: Andrea Häusler)