David gegen Goliath: Weshalb die Velowerkstatt Motomusso in Schwarzenbach nach 14 Jahren schliesst

Alessandro Musso schliesst seine Velowerkstatt Motomusso. Für ihn ist dieser Schritt ein Zeichen der Zeit.

Tobias Söldi
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Begonnen hat Alessandro Musso als Velo- und Töffmechaniker – der Name seiner Werkstatt, Motomusso, zeugt noch heute davon.

Begonnen hat Alessandro Musso als Velo- und Töffmechaniker – der Name seiner Werkstatt, Motomusso, zeugt noch heute davon.

Bild: Tobias Söldi

Verbittert wirkt es nicht, wenn Alessandro Musso über das baldige Ende seiner Velowerkstatt Motomusso in Schwarzenbach spricht. Im Gegenteil: Noch immer repariert, berät und verkauft der 39-Jährige mit viel Elan und Motivation. Nachdem er vergangenen Oktober entschieden hat, einen Schlussstrich zu ziehen und die Werkstatt zu schliessen, ist die Warteliste mit Aufträgen von treuen Kunden immer länger geworden. Bis am 15.Februar, seinem letzten Tag, hat Musso alle Hände voll zu tun.

Arbeit hat der Schwarzenbacher also genug, Freude daran ebenfalls. Und trotzdem gibt er die Werkstatt nach 14 Jahren auf – warum? Am Ende sind es wirtschaftliche Überlegungen, die den Ausschlag gegeben haben. Musso erklärt:

«Für einen Einmannbetrieb sind die Betriebskosten und der Aufwand viel zu gross im Verhältnis zum Ertrag, der bei branchenüblichem Stundenansatz rausschaut.»

Schliessung ist ein Zeichen der Zeit

Denn die Liste an Dingen, die neben den Reparaturarbeiten erledigt werden wollen, ist lang: Kundenbetreuung, Materialbewirtschaftung, Einkauf, Verkauf. «Für eine Person ist der Aufwand gigantisch, vor allem während des Sommers.» Trotz des Ertrags aus diesen geschäftigen Monaten sah sich Musso im Winter vor finanzielle Fragen gestellt. Und wenn die Werkstatt ferienhalber verwaist war, kam gar nichts rein. Am Ende war die Belastung durch die fehlende Einkommenssicherheit zu gross, die Verantwortung gegenüber seiner Frau und den beiden Kindern wichtiger.

Seinen Fall sieht Musso symptomatisch für die Situation vieler Klein- und Kleinstbetriebe, sein Entschluss ein «Zeichen der Zeit». Das Internet und grosse, kapitalkräftige Unternehmen sind eine Konkurrenz, gegen die anzukämpfen schwierig ist, und das viel beklagte «Lädelisterben» eine Folge davon. So gibt es nach dem Ende von Motomusso auch in Schwarzenbach keine Velowerkstatt mehr. Die Geschichte erinnert an die von David gegen Goliath.

Herzblut statt Wirtschaftlichkeit

Diese Entwicklungen und das veränderte Konsumverhalten der Leute betrachtet Musso mit Skepsis. Am Internetshopping und den unzähligen hin- und hergeschickten Paketen kritisiert er die schlechte Ökobilanz, an den grossen Unternehmen das allein auf Wachstum und Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Handeln. «Es darf nicht immer nur um die Menge gehen», sagt Musso. Kleine Betriebe hingegen würden mit Herzblut und Leidenschaft geführt, belebten die Dorfgemeinschaft und böten den Leuten Wahlmöglichkeiten beim Einkaufen.

Trotz dieser Herausforderungen glaubt Musso weiterhin an den Fachhandel. Gerade die Velobranche habe Potenzial, ist er überzeugt. «Der Zuwachs an Fahrrädern ist gewaltig.» Das Velo sei heute viel stärker in den Köpfen der Leute verankert als früher, wozu auch E-Bikes ihren Teil beigetragen haben.

Hätte es denn keine Möglichkeit gegeben, die Schliessung abzuwenden? «Eine Alternative wäre die Spezialisierung auf einen Bereich gewesen», sagt Musso. Aber: Das hätte die Abgrenzung vom Dorf und einem Teil der Bevölkerung bedeutet – und das wollte Musso nicht. Auch der Ausbau des Geschäfts war keine Option. Einerseits fehlte dafür der Platz, andererseits geht mit einem Angestellten eine Verantwortung einher, die zu garantieren schwierig gewesen wäre.

«Das Velo ist Freiheit pur»

Doch nun schaut Musso in die Zukunft. Im März schlägt er ein neues Kapitel auf: als Servicetechniker für Aufzüge. Das Angebot habe er von einem seiner Kunden erhalten. «Mir war bald klar, dass ich die Branche wechseln wollte», sagt Musso. «Nach so langer Zeit auf dem gleichen Beruf ist man auch ein wenig festgefahren.»

Das Fahrrad wird ihn aber weiter begleiten, in seiner privaten Werkstatt und in seiner Freizeit. Und schon gerät Musso ins Schwärmen. «Das Velo ist Freiheit pur.» Mit wenig Kraft lassen sich weite Distanzen zurücklegen, alles ökologisch und nachhaltig.

«Es ist das effizienteste Fortbewegungsmittel in der Geschichte der Menschheit.»