Das tägliche Brot für die ganz hinten

Im hintersten Winkel des Hinterthurgaus wohnen die Klienten des Mahlzeitendienstes immer abgelegener. Trotzdem können sie dort auf den täglichen Besuch der Fahrer zählen. Seit 15 Jahren koordiniert Klärli Stöckli das freiwillige Engagement. Gestern trat sie als Präsidentin zurück.

Silvan Meile
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Klärli Stöckli Seit gestern Ex-Präsidentin des Mahlzeitendiensts in Fischingen

Klärli Stöckli Seit gestern Ex-Präsidentin des Mahlzeitendiensts in Fischingen

FISCHINGEN. «Zubringerdienst gestattet», steht als Zusatz unter dem Fahrverbotsschild, das schon bald nur noch von hinten im Rückspiegel zu sehen ist. «Hier dürfen wir durch, ich habe bei der Polizei nachgefragt», sagt Klärli Stöckli. «Viele unserer Klienten wohnen abgelegen, haben einen weiten Weg zum nächsten Laden», fügt sie hinzu.

Ganz hinten im Hinterthurgau, wo die Hügel hoch und die Wege lang sind, sind immer mehr ältere Menschen auf den täglichen Besuch des Mahlzeitendienstes angewiesen. Seit 15 Jahren koordiniert Klärli Stöckli die Fahrten, nimmt Bestellungen und Abbestellungen entgegen und setzt sich oft selber hinters Steuer.

Zuerst in Begleitung

20 Fahrer, die meisten aus dem Frauenverein, sind in der flächengrössten Gemeinde des Kantons für den Mahlzeitendienst im Einsatz. Wer sich neu für dieses freiwillige Engagement meldet, wird auf den ersten Touren durch eine erfahrene Person begleitet. «Für Leute, die nicht da hinten aufgewachsen sind, kann es schwierig sein, die abgelegenen Höfe zu finden», sagt Klärli Stöckli. Sie selber kennt ganz im Süden des Kantons Land und Leute. «Hier ging ich zur Schule», sagt sie bei der Vorbeifahrt beim ehemaligen Schulhaus Dingetswil.

Die Abmachung hat gehalten

30 Kilometer lang ist eine Tour des Fischinger Mahlzeitendienstes. Die Runde startet beim Kneipphof und dauert rund zwei Stunden, wenn Schnee liegt, geht es deutlich länger. Aus der Kneipphof-Küche beziehen die Fahrer die Menus, verpackt in Schachteln. Diese Abmachung hat der Mahlzeitendienst noch mit den Schwestern des Kurhauses getroffen. 40 Jahre ist das her, die Schwestern sind nicht mehr da, die Abmachung hat trotzdem gehalten, bis heute.

Mehr als 9000 Kilometer

Bei Sturm, Hagel und Schnee liefern Frauen des Mahlzeitendienstes – mittlerweile fahren auch die ersten Männer – täglich ausser sonntags. An Tagen mit viel Schnee musste Klärli Stöckli auch schon einen Verwandten mit einem leistungsstarken Auto aufbieten, damit eine Tour durchgeführt werden konnte. 3225 Portionen verteilten die 20 Fahrer im vergangenen Jahr. Dabei legten sie 9375 Kilometer zurück. «Ein Rekordjahr», sagt Stöckli: «Es gibt laufend mehr Klienten, und sie wohnen immer abgelegener.»

Auch soziale Verantwortung

Zwölf Franken kostet eine Mahlzeit. «Sie gehen kalt raus», sagt Stöckli. Die Kunden wärmen das Essen selber. Zehn bis zwölf Personen werden pro Tag in Fischingen bedient. Einer davon ist Niklaus Caviezel. Er wohnt oberhalb von Au, in Anderwil. Der Mann mit dem langen Bart kommt aus dem Haus, um sein Mittagessen heute von der freiwilligen Fahrerin Elvira Brühwiler in Empfang zu nehmen.

Der Mahlzeitendienst übernimmt auch eine soziale Verantwortung. Schaut nach dem Rechten und erfährt viele Lebensgeschichten. Und dann geht die Fahrt weiter, Niklaus Caviezel sieht man im Rückspiegel immer kleiner werden.

In Anderwil: Niklaus Caviezel nimmt sein Essen von der freiwilligen Fahrerin Elvira Brühwiler in Empfang. (Bild: Silvan Meile)

In Anderwil: Niklaus Caviezel nimmt sein Essen von der freiwilligen Fahrerin Elvira Brühwiler in Empfang. (Bild: Silvan Meile)