Das Postauto ist zügiger als der Zug

Bus statt Bahn

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Es war seit Wochen, wenn nicht Monaten, angekündigt. So wie der Besuch der Schwiegermutter. Und doch wühlt das Ereignis auf, wenn es dann tatsächlich eintritt. Die ganze Woche fährt kein Zug zwischen Frauenfeld und Wil. Auf der 17,45 Kilometer langen Schmalspurstrecke wird gearbeitet. Gleise werden ersetzt, Fahrleitungen erneuert, Bahnübergänge saniert.

Da ein öffentliches Verkehrsunternehmen nicht wie eine Papeterie einen Zettel mit «Betriebsferien» an die Türe hängen kann, musste Ersatz organisiert werden. So fährt temporär statt des rot-weissen Zuges ein gelbes Postauto durchs Murgtal. Ein solches steht an diesem Abend mitten auf dem Bahnhofplatz Frauenfeld. Und markiert gleich: Bezüglich Radstand hat es mehr zu bieten als die Spurbreite eines Schmalspurzuges. Stünden sie nebeneinander, es wäre wie ein Hiphopper neben einem Rüeblihosenträger.

Einen weiteren Vorteil spielt das Postauto unmittelbar nach der Abfahrt aus. Es verlässt den Bahnhofplatz und fährt die Oberstadtstrasse hoch, als ob es zeigen wollte: Ich bin nicht schienengebunden und komme problemlos eine solche Steigung hoch. Der Bus fährt an der katholischen Stadtkirche St. Nikolaus vorbei, links erscheint das Regierungsgebäude. Man wähnt sich auf einer Stadttour, nur ohne kundigen Kommentar. Der Chauffeur fährt dann aber einen Weg, den man nur einem Ortskundigen zutraut. Die Spannerstrasse hoch, vorbei am Botanischen Garten. Erster Halt: Frauenfeld Marktplatz.

Weitere Stehplatzfahrgäste steigen ein, die neidisch auf die besetzten Sitzplätze äugen wie Kinder auf eine Softeismaschine. Der Bahnersatzbus fährt los und biegt auf die St. Gallerstrasse ein. Und muss gleich vor einem Baustellenlichtsignal anhalten wie jedes Privatauto. Linkerhand ist das Bahntrassee zu sehen, das sonst dem Zug die freie Fahrt garantiert. Mit zunehmender Fahrtdauer werden die Vor- und Nachteile der verschiedenen Verkehrsträger augenfällig. Das Ergebnis verändert sich laufend wie bei einem ausgeglichenen Handballspiel, bei dem viele Tore fallen.

Einem Knaben im Kinderwagen scheint das Busfahren aber nicht zu behagen. Er heult, wie wenn man ihm das Lieblingsspielzeug entrissen hätte. Ob er sich im Zug wohler fühlte? Eine Luzernerin, die von Frauenfeld nach Wil unterwegs ist, kämpft mit einem anderen Problem: Sie spricht kein Italienisch, weshalb sie die Speisekarte auf dem Smartphone nicht versteht. Doch ihre Sprachkenntnisse wären wohl auch im Zug nicht besser.

Nach Matzingen macht das Postauto etwas, das der Zug nie könnte: Es fährt um einen Kreisel. Die Kurvenfahrtechnik ist zweifellos eine Errungenschaft, aber für die Stehplatzfahrgäste stellt sie ein Gleichgewichts- und Krafttest dar. Übungsmöglichkeiten gibt es noch weitere drei Mal auf der Strecke bis Wil.

Für Pendler bietet der Bahnersatz über weite Strecken kaum Abwechslung. Die Strasse verläuft der Schiene entlang. Doch kurz vor Wil kommt die Überraschung. Musste kommen. Bahn- und Busfahrbahn entzweien sich wie ein Paar nach der Scheidung. Das hat den Vorteil, dass die Passagiere einen Blick auf die Zukunft werfen können: Wo heute Getreide gedeiht, soll unter dem Stichwort Wil West die Wirtschaft wachsen.

Doch diese Zukunft ist noch fern. Vorerst muss der Bus den Bahnfahrplan einhalten. Er ist sogar zu schnell: In 27 statt 29 Minuten hat er die Strecke von Frauenfeld nach Wil zurückgelegt. Davon lassen sich die Züge nicht beeindrucken. Im Bahnhof Wil sind sie aufkoloniert. Ab Montag sind sie wieder am Zug. (seb.)