Das Phänomen Super Bowl: 200 Besucher beim Public Viewing in Wil trotzen der Müdigkeit

Das Finale der National Football League zieht auch hierzulande immer mehr Personen in seinen Bann. Davon zeugen 200 Besucher des Public Viewings im Cinewil. Es ist ein Anlass, der neben dem sportlichen Wettkampf vor allem eines ist: eine gross inszenierte Show.

Gianni Amstutz
Drucken
Die Fans der New England Patriots können jubeln. Soeben hat ihr Team den Super Bowl gewonnen. (Bild: Gianni Amstutz)

Die Fans der New England Patriots können jubeln. Soeben hat ihr Team den Super Bowl gewonnen. (Bild: Gianni Amstutz)

«It looks like a movie.» Die Zuschauerin aus den Vereinigten Staaten, die im gut gefüllten Cinewil sitzt, trifft mit ihrer Aussage beim Einmarsch der Mannschaften des 53. Super Bowl, dem Finale der National Football League (NFL), den Nagel auf den Kopf. Denn was sie damit meint, wird beim Schauen des grössten Einzelsportereignisses der Welt mit rund einer Milliarde Zuschauer schnell deutlich. Es sieht tatsächlich wie ein Film aus Hollywood aus.

Denn beim Finale des American Football geht es um weit mehr als das sportliche Ergebnis. Die Show nimmt bei diesem Event einen mindestens ebenso hohen Stellenwert ein. Alles ist bis ins letzte Detail durchgeplant und wird filmreif in Szene gesetzt. Vom Münzwurf, der über das Anspiel entscheidet, über das Singen der Nationalhymne bis hin zur aufwendigen Halbzeitshow, die diesmal von der Pop-Band Maroon 5 bestritten wird.

Ein Hauch amerikanischer Lebensart

Der Anlass, der in den USA feiertagsähnlichen Charakter geniesst, hat es längst über den grossen Teich geschafft – mit all seinen Begleiterscheinungen. Anders ist es nicht zu erklären, was sich in der Nacht auf Montag ab 0.30 Uhr im Cinewil abspielt.

In Scharen sind sie gekommen, die Anhänger einer Sportart, die hierzulande eigentlich keine grosse Popularität geniesst. Rund 200 sind es laut Angaben der Verantwortlichen des Cinewils und der St. Gallen Bears, die das Public Viewing gemeinsam veranstalten. Viele tragen Trikots ihrer Lieblingsteams aus der NFL. Wie es sich gehört, serviert das Cinewil dem Anlass entsprechend Chicken Wings und Hot Dogs.

Doch nicht nur die Kleidung und das Essen versprühen einen Hauch amerikanischer Lebensart. Bei der Nationalhymne, die wie vor jeder NFL-Partie gespielt wird, halten sich einige Anwesende aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten patriotisch die Hand aufs Herz.

Patriots gewinnen mit 13:3

Das Spiel selbst, das die New England Patriots letztlich mit 13:3 gewinnen, vermag dann aber keinen der Zuschauer wirklich vom Hocker beziehungsweise vom Kinosessel zu reissen. Das mag einerseits daran liegen, dass es äusserst defensiv geprägt ist und es kaum Punkte zu bejubeln gibt. Vor allem die Anhänger der Los Angeles Rams, die in Wil in der Überzahl sind, müssen lange warten, bis sie Punkte feiern können. Bis 3 Uhr morgens, um exakt zu sein.

Anderseits ist vielleicht auch die aufgrund der Zeitverschiebung gewöhnungsbedürftige Anspielzeit verantwortlich dafür, dass der Funke nicht ganz überspringen mag. Zwar werden entscheidende Szenen – besonders zu Beginn der Partie – frenetisch bejubelt, der eine oder andere Fan kann seine Müdigkeit je weiter die Uhr vorrückt aber nicht verbergen. Hier ein Gähnen, dort ein Zuschauer, der das Spiel entweder lieber als Audioversion verfolgt oder sich tatsächlich bereits ins Reich der Träume verabschiedet hat.

Verübeln kann man es keinem, müssen doch viele ein paar Stunden nach Spielende bereits wieder am Arbeitsplatz erscheinen. Doch um das Spiel zu sehen, nehmen das die meisten in Kauf.

Wenn Werbung nicht als störend empfunden wird

Wenig hilfreich in Sachen Müdigkeit scheint auf den ersten Blick auch die Dynamik von American Football zu sein. Denn bei jeder Spielunterbrechung schaltet der Fernsehsender CBS einen Werbeblock.

Doch dies ist dem Erlebnis nicht abträglich. Denn die Amerikaner verstehen es, selbst die Werbung zum Teil des Phänomens Super Bowl werden zu lassen. Die Spots, für welche die Unternehmen bis zu fünf Millionen Dollar ausgeben, sind für die Fans nicht wegzudenken. Das «Who is who» aus Hollywood spielt in den Werbungen mit, die eigens für den Grossanlass produziert werden. So nehmen die Zuschauer die Spots nicht wie üblich als lästige Unterbrechung des Hauptereignisses wahr, vielmehr sind sie Teil des gesamten Unterhaltungspakets.

Der Super Bowl ist in der Schweiz angekommen

Zu dieser Unterhaltung gehört auch die Halbzeitshow. Neben der Expertenanalysen wie sie in der NFL üblich sind, tritt die Band Maroon 5 auf. Beim Spektakel sitzen beinahe alle Besucher des Public Viewings im Cinewil auf ihren Plätzen. Nur wenige wollen sich das entgehen lassen. Denn das ist es, was den Super Bowl zu einem Ereignis macht, das jedes Jahr an Beliebtheit gewinnt. Zu sagen, die Faszination habe nichts mit der Sportart American Football zu tun, wäre wohl vermessen.

Doch der Grund, weshalb das Finale der NFL auch hierzulande 200 Menschen bis 4 Uhr morgens zu einem Public Viewing zu locken vermag, ist im Drumherum zu suchen. Der Super Bowl, das sind neben dem Spiel selbst jede Menge Hot Dogs und Chicken Wings, Werbespots, die zur Unterhaltung gehören, Auftritte von Stars aus dem Musikbusiness. Kurz: eine Show, die ihresgleichen sucht. Die zufriedenen, wenn auch etwas müden Besucher, die das Cinewil um kurz nach 4 Uhr morgens verlassen, zeugen jedenfalls davon, dass das Phänomen auch in der Schweiz angekommen ist.

Aktuelle Nachrichten