Das Pferd als Therapiepartner

In der Stiftung Sonnenhalde in Münchwilen profitieren Menschen mit einer Behinderung von der Hippotherapie. Dabei geht es um mehr als ums Reiten. Die Pferde sind oft auch eine Art «Eisbrecher» für zwischenmenschliche Beziehungen.

Ruth Bossert
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Christian Zbinden beim Reiten im Garten der Stiftung Sonnenhalde. (Bild: Ruth Bossert)

Christian Zbinden beim Reiten im Garten der Stiftung Sonnenhalde. (Bild: Ruth Bossert)

MÜNCHWILEN. Es regnet wie aus Kübeln. Für Claudia Bucher, einer jungen Frau mit einer schweren Mehrfachbehinderung, spielt das keine Rolle. Hauptsache, sie darf auch heute auf dem Pferderücken Platz nehmen und sich den rhythmischen Bewegungen des Tieres hingeben. Sie ist eine von 32 Bewohnerinnen und Bewohnern der Stiftung Sonnenhalde in Münchwilen und kommt seit Jahren einmal wöchentlich zur Hippotherapie. Als sie von einer Betreuerin zur Aufstiegsrampe zwischen Pferdestall und Übungsplatz gebracht wird, warten die Physio- und Hippotherapeutin Monika Hülsmann und die Pferdeführerin Simone Fingerhut bereits auf sie. Während die Betreuerin und Monika Hülsmann Claudia Bucher aus dem Rollstuhl helfen und ihr den Helm anziehen, führt die Pferdeführerin, die sich seit sechs Jahren um die Pferde in der Sonnenhalde kümmert und während der Therapiestunden die Pferde sicher im Schritt führt, die Isländer Stute «Hending» an die Aufstiegsrampe.

Besser als jedes Therapiegerät

Das Pferd ist sich an die beeinträchtigten Menschen gewöhnt, bleibt schön ruhig und wartet geduldig, bis Claudia Bucher auf der dicken Decke und der zusätzlichen schwarzen «Klötzlidecke» auf dem Pferd sitzt. Die «Klötzlidecke» wird so genannt, weil man auf ihr mit Klettverschlüssen verschieden grosse «Klötzli» befestigen kann, die den Reiter oder die Reiterin dann an verschiedenen Stellen auf dem Sattel stützen. «Damit gelingt es Claudia Bucher ziemlich gut, aufrecht zu sitzen und nicht dauernd mit dem Gesäss wegzurutschen», erklärt die Therapeutin, während die Stute die ersten Schritte macht. Die rhythmischen und gleichmässigen Bewegungen auf dem warmen Pferderücken und das gespreizte Sitzen seien die Grundlage für die Therapie. Die Bewegungen werden auf den Patienten übertragen und helfen, die verkrampften Muskeln zu lösen und eine normale Spannung des Körpers zu finden, sagt Monika Hülsmann, die neben dem Pferd herläuft und Claudia Bucher, zusätzlich zum Bauchgurt und den «Klötzli», stützt. «Mit keinem technischen Gerät kann die dreidimensionale Bewegung erzeugt werden, wie das mit dem Sitzen auf dem Pferderücken geschieht», erklärt sie. Die allermeisten Patienten lieben die Abwechslung mit den Pferden, sagt auch Simone Fingerhut, die oft beobachtet, wie Patientenhände dem Pferd fein die Nüstern berühren und übers Fell streicheln. «Allein schon die Berührung eines Tieres kann sich wohltuend und heilend auf das Gemüt der Menschen mit einer Behinderung auswirken», sagt Monika Hülsmann. Tiere akzeptieren jeden, der gut zu ihnen ist, und wirken oft wie Eisbrecher für zwischenmenschliche Beziehungen, erklärt sie weiter.

Seit über 20 Jahren angewendet

Natürlich sei es bei diesem Regen nicht so angenehm wie bei Sonnenschein. Trotzdem geniessen viele gerade auch das Fühlen von Nässe, von Wind und Kälte, im Gegensatz zu ihrem Alltag in warmen, geschützten Räumen, sagt die Physiotherapeutin Monika Hülsmann, die in Eschlikon eine eigene Praxis führt und als eine der ersten die Spezialausbildung zur Hippotherapeutin in Basel absolviert hat. Seit den 90er-Jahren wird diese Therapie in der Stiftung Sonnenhalde angewendet, heute sind es ungefähr 25 Einheiten an vier Halbtagen die Woche.

Als nächster wird Christian Zbinden mit dem Rollstuhl zum Stall gebracht. Mit Hilfe eines Kranes wird der junge Mann mit der körperlichen Mehrfachbehinderung auf den Rücken des Isländer Wallachs «Draumur» hochgezogen. Ihm scheint der Regen nichts auszumachen, mit einem verschmitzten Lächeln auf alle Seiten und zaghaftem Winken lässt er seinen Charme spielen. Auch er wird dank der «Klötzlidecke» gut gestützt, trotzdem korrigiert ihn die Therapeutin immer wieder zum geraden Aufsitzen. Bereits nach ein paar Metern entspannt sich der junge Mann, harmonisch übernimmt sein Körper die Bewegungen des Pferderückens. Der halbstündige Gang durch die Gartenanlage der Sonnenhalde und den Spazierweg dem Bach entlang ist schon bald vorbei, wieder sinkt Christian Zbinden in sich zusammen und muss zum aufrechten Sitzen angehalten werden, bevor er wieder mit dem Kran ab dem Pferderücken in seinen Rollstuhl gesetzt wird. Er strahlt die Therapeutin und die Pferdeführerin an und winkt, als ihn seine Betreuerin ins Trockene fährt.