Das «normale» Leben trainieren

Vor 25 Jahren wurde die Therapeutische Wohngemeinschaft Hofberg gegründet. Hier finden Menschen mit psychischer Beeinträchtigung Wohnraum, Beschäftigung und Therapie. Eines der Steckenpferde dieser Institution ist die Naturnähe.

Ursula Ammann
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Ein Lernziel, das die Bewohner verfolgen, ist, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Beispielsweise für diese Ziegen. (Bilder: uam)

Ein Lernziel, das die Bewohner verfolgen, ist, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Beispielsweise für diese Ziegen. (Bilder: uam)

WIL. Wer den Weg hinauf zum Wiler Turm unter die Füsse nimmt, dem springt es sofort ins Auge: das rote Schindelhaus am Hofberg, umgeben von einem grossen Gemüsegarten, allerlei Bäumen und Tieren. Die einen machen hier Halt, um die Esel zu streicheln oder am Verkaufsstand vor dem Haus eine Erdbeerkonfitüre zu posten. Andere kommen hier hin, weil sie den Boden unter den Füssen verloren haben. Seit 25 Jahren bietet die Therapeutische Wohngemeinschaft Hofberg, die in jenem roten Schindelhaus beheimatet ist, Wohnraum, Beschäftigung und Therapie für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung.

Verschiedene Krankheiten

In der Küche brutzelt Fleisch in der Pfanne. Ein paar Schüsseln mit verschiedenen Salaten stehen bereits auf dem gedeckten Tisch. Fürs Kochen zuständig ist abwechslungsweise ein anderes Mitglied der Wohngemeinschaft. Bald gibt es Mittagessen. Auf die allermeisten wartet täglich auch eine Portion Medikamente. Viele hier leiden an Depressionen oder Schizophrenie, einige auch an Persönlichkeitsstörungen oder Essstörungen. Thomas Seemann zeigt in den prall gefüllten Medikamentenschrank, den er dann sorgfältig wieder verschliesst.

Ein Trainingslager

Neben Tabletten benötigen die Bewohnerinnen und Bewohner aber auch Geborgenheit und klare Strukturen, wie Seemann erklärt. Zudem sollen sie sich Ziele setzen und diese auch verfolgen, und lernen, für sich und andere Verantwortung zu tragen. Beispielsweise für die Tiere rund ums Haus – dazu gehören Esel, Schweine, Ziegen, Hasen, Katzen, Bienen, eine Gans und Hennen –, die kein Wochenende kennen. Aber auch Haushalt und Garten lassen nicht auf sich warten. «Bei uns gibt es immer Arbeit», sagt Thomas Seemann. Im Winter verlangt zwar der Garten weniger ab, dafür das Kreativatelier an der Marktgasse umso mehr. Die Beschäftigung soll die Bewohnerinnen und Bewohner zwar herausfordern, aber auf keinen Fall überfordern. «Wir bieten gewissermassen ein Trainingslager», sagt Thomas Seemann. Trainiert wird das normale Leben. Die Trainer sind die Betreuungspersonen. Sie sind sieben Tage die Woche rund um die Uhr im Einsatz.

Es sei ihr schwer gefallen die Verantwortung für ihr Leben ein Stück auf andere zu übertragen, sagt eine junge Bewohnerin. Ihre Essstörungen zwangen sie dazu, den Beruf und die eigene Wohnung aufzugeben. Sie kam vor elf Wochen in die Therapeutische Wohngemeinschaft Hofberg – bereits die zweite Station dieser Art. Wie lange sie hier sein wird, weiss sie nicht. In der Regel aber bleiben die Betroffenen zwei bis vier Jahre dort.

Bereits ein Teil der Gesellschaft

Knapp ein Fünftel der Bewohnerinnen und Bewohner schaffe den Sprung zurück in den ersten Arbeitsmarkt, sagt Thomas Seemann. Dabei handle es sich aber vor allem um junge Menschen, die in einem frühen Stadium der Krankheit Hilfe aufgesucht hätten. Jedoch seien nach dem Aufenthalt in der Therapeutischen Wohngemeinschaft Hofberg alle in der Lage, einer geregelten, geschützten Arbeit nachzugehen und im Alltag mehr Eigenverantwortung zu tragen.

Die Sichtweise, psychisch Beeinträchtigte «in die Gesellschaft zu integrieren», ist für Heimleiter Thomas Seemann eher ein Trugschluss. «Diese Menschen sind ein Teil unserer Gesellschaft», sagt er. Ziel sei es, ihnen den Mut zu geben, sich auch als solchen zu sehen.

Thomas Seemann, Heimleiter (Bild: unknown)

Thomas Seemann, Heimleiter (Bild: unknown)

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