«Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen»: Anwohner und Politiker machen Stimmung gegen Netzergänzung Nord in Bronschhofen

Gegen die Linienführung der Verbindungsstrasse zwischen Bronschhofen und der Autobahn hagelt es Kritik. Die von den Gegnern vorgeschlagene Lösung wurde bereits in verschiedenen Varianten geprüft, taugt gemäss dem Wiler Stadtrat aber nicht als Alternative.

Gianni Amstutz
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Wo heute Schafe weiden, soll künftig die Netzergänzung Nord Bronschhofen mit der Autobahn verbinden. Die Gegner monieren, das sei unnötiger Landverbrauch und fordern eine Alternativlösung.

Wo heute Schafe weiden, soll künftig die Netzergänzung Nord Bronschhofen mit der Autobahn verbinden. Die Gegner monieren, das sei unnötiger Landverbrauch und fordern eine Alternativlösung.

Bild: Gianni Amstutz

Am Mittwoch stellten Vertreter der Stadt Wil, des Kantons sowie der Regio Wil die Linienführung der geplanten Netzergänzung Nord vor. Sie bildet die Verbindung zwischen Bronschhofen und dem neuen Autobahnanschluss Wil West und ist zentraler Bestandteil des gleichnamigen Entwicklungsschwerpunkts. Mit diesem sollen westlich von Wil bis zu 3000 Arbeitsplätze entstehen.

Der Verkehr wird in der Region Wil aber auch auf Grund steigender Bevölkerungszahlen zunehmen und die ohnehin schon angespannte Lage im Zentrum noch verschärfen. Die Stadt Wil verspricht sich von der Netzergänzung Nord eine Verkehrsentlastung des Zentrums, aber auch der Quartiere.

«Eine völlige Katastrophe»

Bereits jetzt formiert sich Widerstand gegen das Vorhaben. Thomas Vögeli, Anwohner der AMP-Strasse, wo die Netzergänzung durchführen soll, findet deutliche Worte: «Meine schlimmsten Befürchtungen werden wahr.» Das Projekt sei eine bare Katastrophe.

Das Versprechen von Stadt und Kanton, die Verkehrssituation in der Stadt werde sich dadurch verbessern, sei schlicht falsch. Durch den Bau zusätzlicher Strassen werde der Mehrverkehr überhaupt erst generiert. Und dabei fördere man in erster Linie den Motorisierten Individualverkehr (MIV).

Dass man noch eine ÖV-Haltestelle baue, sei eine reine Alibi-Übung. Genauso wie die Bachfreilegung und die Dreibrunnenallee mehr PR als eine tatsächliche ökologische Aufwertung darstellten, urteilt Vögeli. «Das ist wie ein Heftpflaster auf einem offenen Beinbruch.»

Müssen Bronschhofer in den sauren Apfel beissen?

Am meisten aber ärgert sich Vögeli darüber, dass von einer gesteigerten Lebensqualität in den Wiler Quartieren gesprochen wird, Bronschhofen aber «offensichtlich völlig ausser Acht gelassen wird». Er fürchtet, dass die Wohnqualität in Bronschhofen drastisch abnehmen werde.

Täglich würden durch die Netzergänzung gemäss seinen Schätzungen dann rund 8000 Fahrzeuge durchs Quartier fahren. Das sei nicht akzeptabel.

Eine Alternative wäre, die Neztergänzung Nord bei der Industriestrasse zu realisieren. Gemäss Stadtrat sprechen mehrere Gründe dagegen.

Eine Alternative wäre, die Neztergänzung Nord bei der Industriestrasse zu realisieren. Gemäss Stadtrat sprechen mehrere Gründe dagegen.

Bild Gianni Amstutz
«Man kann nicht das ganze Land mit Strassen zubauen, damit zerstört man die Lebensqualität.»

Bei solchen Aussagen bekommt man das Gefühl, dass Vögeli nicht nur gegen die nun präsentierte Linienführung ist, sondern eine Netzergänzung Nord generell ablehnt. Dem widerspricht er: «Ich sehe auch, dass die Zeit nicht stillsteht und es Anpassungen braucht.» Eine Möglichkeit sieht er darin, die Industriestrasse für die Netzergänzung zu nutzen, wo nötig untertunnelt.

CVP-Kantonsrat übt ebenfalls Kritik

Kantonsrat Sepp Sennhauser ist unzufrieden mit der geplanten Lininenführung.

Kantonsrat Sepp Sennhauser ist unzufrieden mit der geplanten Lininenführung.

Bild: Regina Kühne

Unterstützung erhält er von prominenter Seite. Der Rossrütener Kantonsrat Sepp Sennhauser (CVP) bringt ebenfalls die Industriestrasse ins Spiel. In einem Kommentar zu einem Facebook-Post der Stadt Wil: «Die parallel verlaufende Industriestrasse ist top ausgebaut, genügt völlig und könnte als Tunnel unter dem Friedhof weitergeführt werden.» Das nun vorliegende Konzept sei ein Schildbürgerstreich. «Netzergänzung Nord ja, aber nicht so.

In einem E-Mail mit ähnlichem Inhalt wendet sich Sennhauser auch an die Vertreter der Wiler Parteien. Darin schreibt er:

«In der heutigen Zeit so eine Strasse zu planen mit diesem unnötigen Landverbrauch – notabene in einer Stadt mit Klimanotstand – ist für mich ein Armutszeugnis.»

Und er schiebt nach, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sei.

Variante Industriestrasse wurde geprüft

Daniel Meili, Stadtpräsident ad interim, und der Gesamtstadtrat stehen hinter der vorliegenden Variante.

Daniel Meili, Stadtpräsident ad interim, und der Gesamtstadtrat stehen hinter der vorliegenden Variante.

Bild: PD

Der Stadtrat weist die geäusserte Kritik Punkt für Punkt zurück. Eine Linienführung über die Industriestrasse beispielsweise sei in drei der insgesamt 17 Varianten geprüft worden, doch mehrere Gründe sprachen schliesslich dagegen, erklärt Daniel Meili, Stadtpräsident ad interim.

Einerseits führt die Industriestrasse am Ebnetsaal, einer Kita sowie einem Sportplatz vorbei. Anlagen also, die von vielen Kindern genutzt werden. Hier die Umfahrung zu erstellen, sei nicht sinnvoll.

Ein weiteres Ausschlusskriterium sei der Friedhof, der diese Linienführung verhindere. Selbstverständlich könne man diesen theoretisch untertunneln, wie das Sepp Sennhauser vorschlägt, sagt Meili, gibt aber zu bedenken, dass damit die Kosten um ein Vielfaches ansteigen würden. Politisch wäre das Projekt im Kantonsrat damit vermutlich chancenlos.

Zur Kritik, dass mit der Umfahrung das Verkehrsproblem nicht gelöst, sondern lediglich verlagert werde, sagt Meili: «Mit der Umfahrung wird nicht nur das Zentrum, sondern beispielsweise die gesamte Hauptstrasse in Bronschhofen entlastet.» Das wiederum ermögliche Aufwertungen für den Langsamverkehr und den ÖV und die Lebensqualität allgemein.

«Wir leugnen nicht, dass es auch Verlierer geben wird, doch solche gibt es auch schon in der jetzigen Situation.»

Und im Verhältnis würden die Vorteile für die Gesamtbevölkerung durch den Bau der Netzergänzung Nord und die weiteren damit verbundenen knapp 50 Massnahmen massiv überwiegen.

Einsprachen sind wahrscheinlich

Diesen Bekundungen zum Trotz: Dem Projekt Netzergänzung Nord weht bereits jetzt ein heftiger Gegenwind entgegen. Die Stadt- und Kantonsregierung steht vor der Herausforderung, das Geschäft durch das jeweilige Parlament zu bringen. Und auch dann sind noch nicht alle Hürden übersprungen.

Es drohen Rechtsmittelverfahren, die das Projekt verzögern könnten. Thomas Vögeli sagt: «In der vorliegenden Form sind Einsprachen vorprogrammiert.» Und fügt an: «Ich bin in Bronschhofen bei weitem nicht der Einzige, der das so sieht.»