Das Knie im Gesicht, die Faust im Unterbauch

Der «Rote» hat ausgeholt, blitzschnell, der «Blaue» hat es zu spät bemerkt. Nun liegt er am Boden und schüttelt sich den Ärger aus dem Gesicht. Ein Bodenkontakt ist nicht nur peinlich, sondern schmälert massiv die Aussichten auf den Kampfsieg.

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Der «Rote» hat ausgeholt, blitzschnell, der «Blaue» hat es zu spät bemerkt. Nun liegt er am Boden und schüttelt sich den Ärger aus dem Gesicht. Ein Bodenkontakt ist nicht nur peinlich, sondern schmälert massiv die Aussichten auf den Kampfsieg. Nun, solange der Kampfrichter nicht alle zehn Finger zum Auszählen braucht, scheint nicht alles verloren. Der «Blaue» steht auf und gibt das Zeichen, dass er weitermachen will.

Immerhin ist das Ende der letzten Runde nicht mehr weit und auch wenn er den Kampf verlieren wird, er wird ihn wenigstens nicht mit technischem «Knock-out» verlieren.

Menschen unter Kopfschutz

Man muss bei einer Schweizer Meisterschaft der Amateure im Thaiboxen schon sehr konzentriert zuschauen, um den Faden nicht zu verlieren. Die Kämpfenden – Männer wie Frauen – tragen einen Kopfschutz, der fast das ganze Gesicht verdeckt.

Deutschschweizer scheinen nicht sehr viele dabei zu sein, Secondos aus dem ehemaligen Jugoslawien und Romands aber schon.

Fans kennen ihre Favoriten

Die Fans selbstverständlich kennen ihre Favoriten. Sie wissen stets, wer gerade auftritt in einem der beiden Boxringe. Sie schreien ihre Lieblinge zum Sieg, quittieren jeden Schlag, Stoss oder Haken mit unterschiedlichen Lauten der Begeisterung.

Die Stimmung steigt im Laufe des Nachmittags ins Ekstatische, die Kämpfe werden immer verbissener, ja auch härter. Was beim normalen Boxen verboten ist, ist beim Thaiboxen erlaubt: Die Füsse zu gebrauchen, und selbst ein Knie gegen das Gesicht ist Usus in dieser Sportart, die wohl nur für Hartgesottene mit Austeil- und Einsteckvermögen gemacht ist. Doch halt.

Es machen auch Damen mit, und auch sie kämpfen nicht minder verbissen, teilen aus und stecken ein und fliegen gelegentlich zu Boden.

Nicht gerade zimperlich

Wenn Schwert und Speer unbrauchbar wurden, benutzte der Krieger seine Beine, Fäuste und Ellenbogen. So steht es in den Erklärungen für diese Art des Zweikampfs, der sich längst seines geschichtlichen und überlebenswichtigen Hintergrunds entledigt hat.

Die Wurzeln des Thaiboxen reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück, zu Kampf- und Vergnügungs-Zwecken erfunden, wurde es im ehemaligen Königreich Siam, heute Thailand. Was im alten Rom die Gladiatorenkämpfe, im mittelalterlichen Mitteleuropa die Ritterspiele, waren im Mittleren Osten die nicht gerade zimperlich ausgetragenen «Muay Thai» genannten Boxkämpfe. Gerade zimperlich gehen auch die nebenberuflichen Schweizer Thaiboxer und Thaiboxerinnen im Wiler Stadtsaal nicht miteinander um.

Doch überlebt haben es alle, wenn auch mit der einen oder anderen blauen Delle an exponierten Körperteilen. Und die Zuschauenden im vollen Saal hatten ihren Spass.

Michael Hug

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