«Das ist meine bisher längste Leinwand»: Walter Järmann malt in Uzwil eine bunte Welt neben eine graue Baustelle

Walter Järmann aus Oberuzwil bringt die traditionelle Kultur der Appenzeller und Toggenburger nach Uzwil: Der Maler verleiht einem Abschnitt der Wand um die Baustelle Sonnmatt damit einen unverkennbaren Charakter.

Joëlle Ehrle
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«Heute spielt das Wetter zum Glück wieder mit», sagt Walter Järmann und blickt in den strahlend blauen Himmel. Anfang Woche sei an ein Weitermalen aufgrund des anhaltenden Regenwetters kaum zu denken gewesen. «Doch heute trocknet mir die Farbe praktisch schon auf dem Pinsel.» Fünf Tage hat der pensionierte Flachmaler bislang neben der Sonnmatt-Baustelle beim Seniorenzentrum kreativ gewirkt. In dieser kurzen Zeit hat er es aber weit gebracht: Die Grundrisse und die Grundfarbe sind bereits aufgetragen. «Jetzt fehlen nur noch die Details – die geben aber am meisten Arbeit», sagt er.

Es war im März, als ihn seine Frau Gisela auf dieses Projekt aufmerksam machte. «Sie sah in der Zeitung, dass das Seniorenzentrum Freiwillige sucht, die der weissen Wand um die Baustelle Sonnmatt Farbe verleihen wollen.» Ohne zu zögern, habe er sich auf den Aufruf gemeldet. «Zuerst habe ich 10 Meter Fläche beantragt, dann aber auf 20 Meter verlängert und schlussendlich bin ich bei 30 Metern angelangt.» Bei dieser stolzen Länge wolle er es nun aber belassen. «Zeit hätte ich zwar noch genug, in die Länge ziehen will ich die Arbeit aber nicht. Es ist nicht meine Art, Dinge aufzuschieben.» In drei Wochen gedenkt er fertig zu werden – «sofern Petrus mitmacht».

Viel Liebe zum Detail

Walter Järmann nutzt einen sonnigen Tag wie diesen aus. Bereits in der Früh beginnt er seine bisher längste Leinwand zu verschönern. Der Akkordeonspieler auf der hintersten Wandplatte erhält gerade einen letzten Schliff. Mit viel Liebe zum Detail scheint Järmann seine Sujets zum Leben zu erwecken. Sein Werk, welches auf den ersten Blick wie ein typischer Alpaufzug mit Kühen und Trachten aussieht, «ist mehr eine Illustration der Kultur im Appenzellerland und im Toggenburg», sagt der Erschaffer. «Diejenigen mit den braunen Hosen sind die Toggenburger.» Bei längerem Betrachten werden auch weitere Einzelheiten wie Churfirsten, Säntis und ein vergrösserter Appenzellergurt sichtbar. Järmann, der 13 Jahre lang selbstständig einen Wandmalerei Betrieb führte, ist einer der Ersten, der die noch mehrheitlich weisse Wand bepinselt. Unter Zeitdruck steht der Maler nicht. Bis Ende August sollten alle Angemeldeten ihr Werk beendet haben und den kompletten Zaun in allen Farben erstrahlen lassen. Bei den Bewohnern des Zentrums jedenfalls scheint seine Arbeit bereits jetzt gut anzukommen. «Es gefällt ihnen und mir bereitet es grosse Freude, hier den Menschen zu begegnen.»

Wie alle anderen musste auch Järmann seine Idee zuvor Urs Frischknecht, dem Assistenten der Geschäftsleitung des Seniorenzentrums, vorlegen. «Ihm gefiel meine Skizze sehr gut.» Der Entwurf aus Bleistift hat eine Länge von rund vier Metern. Inspiriert von Fotos aus dem Internet hat er ihn an zwei Abenden entworfen. «Sobald die Idee da ist, sprudelt es», sagt er und fügt hinzu: «Hätte sie Herrn Frischknecht nicht zugesagt, hätte ich noch eine zweite mit dem Thema Jahreszeiten gehabt.»

Schicht für Schicht zum Ziel

Während er die Skizze wieder zusammenrollt, erklärt der gebürtige Thurgauer, der heute in Oberuzwil wohnt, dass er den Entwurf nach der Fertigstellung in einem Fotostudio verkleinern liess und ihn dann mit Hilfe eines Projektors mit Bleistift auf die weisse Wand zeichnete. «Das machte ich in zwei Nächten, als es dunkel war.» Da die Wand aber plastifiziert ist, musste er diese zuvor mit weisser Fassadenfarbe grundieren. «Dann übermalte ich sie noch grau, damit bei Tag das Sonnenlicht nicht durchschimmert.» Wie bei einem Siebdruck, arbeitet sich Järmann Schicht für Schicht zum Ziel. «Darin bin ich mittlerweile geübt.»

Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass Järmann einen Pinsel in der Hand hält: Dies beweisen seine bislang über 1000 Werke, darunter über 150 Wandbilder, die in der ganzen Schweiz zu sehen sind. «Ich bin immer dran, das ist mein Ding.» Vor fünf Jahren stellte er 200 seiner Bilder in der alten Gerbi aus.

Malen als Lebensaufgabe

In Ordnern hat Järmann die Fotos all seiner Werke, die er teilweise verkauft, grösstenteils aber verschenkt hat, aufbewahrt. Darin sind nicht nur ländliche Sujets zu finden, auch Stillleben, Abstraktes, Modernes sowie Porträts von Menschen und Tieren sind Bestandteil seines Repertoires. Seine Arbeit selbst beurteilt er kritisch, besonders seine älteren Bilder. Als Künstler würde sich Järmann aber nicht bezeichnen.

«Mit dem Wort Künstler kann ich nicht viel anfangen.»

Er sei ein normaler Bürger, dem die Leidenschaft fürs Malen in die Wiege gelegt wurde. Bereits als Kind habe er sich mit der Malerei und verschiedensten Techniken beschäftigt. Auch wie andere dabei vorgehen, habe ihn stets interessiert. Denn dass man das Rad nicht neu erfinden könne, wisse er. So habe er sich bei manchen seiner Werke von derer Rolf Knies inspirieren lassen, und «von Bob Ross habe ich zum Beispiel die Methode, wie man Bäume malt, abgeschaut».

Vor Übeltätern nicht geschützt

Nun ist eine der Kühe an der Reihe. «Diese sollen möglichst echt aussehen.» Dafür mischt Järmann Ockerfarbe, ein natürliches Braun, mit Weiss und Schwarz zusammen. «Von der Fläche her sieht es nach viel Farbe aus», aber die Menge sei ergiebig und es benötige gar nicht viel. «Ich habe mittlerweile das Gespür dafür.» Für Objekte, die rundlich wirken sollen, greift er zu Spraydosen.

Auf der Nebenwand beginnen die Arbeiten nun ebenfalls. Järmann kommt ins Gespräch. Man tauscht sich aus, gibt sich gegenseitig Tipps. Und hilft: So habe er am Tag zuvor an der Nachbarwand unerlaubte Sprayereien entdeckt und mit Farbe übermalt. Seine Nachbarn zeigen sich dankbar. «Jeden Morgen um 2 Uhr mache ich ab jetzt eine Rundtour», witzelt Järmann.

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