Das Heu auf der gleichen Bühne: In Flawil machen drei Bauernhöfe gemeinsame Sache

Die drei Landwirtschaftsbetriebe haben sich zu einer Betriebszweiggemeinschaft zusammengeschlossen. Dahinter stecken pragmatische Überlegungen.

Tobias Söldi
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Profitieren voneinander (von links): Ernst Steiger, Reto Bodenmann und Roman Stüdli im Stall im Giren. (Bild: Tobias Söldi)

Profitieren voneinander (von links): Ernst Steiger, Reto Bodenmann und Roman Stüdli im Stall im Giren. (Bild: Tobias Söldi)

Dass die Chemie stimmt, merkt man schnell. Roman Stüdli und Ernst Steiger sitzen mit Reto Bodenmann in dessen Küche und trinken Kaffee. Draussen ist es trüb, drinnen witzeln die drei Flawiler. Manch ein Seitenhieb bleibt dem Aussenstehenden da unverständlich.

Steiger, Bodenmann und Stüdli haben nicht nur auf einer zwischenmenschlichen Ebene das Heu auf der gleichen Bühne, sondern auch beruflich – und die Redewendung deutet in die richtige Richtung. Die drei Männer haben auf den 1. Januar 2018 Teile ihrer Landwirtschaftsbetriebe zur Betriebszweiggemeinschaft (BZG) Giren-Landberg vereint.

Verschiedene Bedingungen sind zu erfüllen

Die landwirtschaftliche Begriffsverordnung (LBV) definiert eine Betriebsgemeinschaft als Zusammenschluss von zwei oder mehr Betrieben zu einem einzigen Betrieb. Eine Betriebszweiggemeinschaft dagegen besteht, wenn mehrere Betriebe Nutztiere gemeinsam halten oder einen Teil ihrer Betriebszweige gemeinsam führen. Dafür müssen verschiedene Bedingungen erfüllt werden. So muss die Zusammenarbeit und die Aufteilung der Flächen und Tiere in einem schriftlichen Vertrag geregelt sein. Die Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter der beteiligten Betriebe müssen für die Betriebszweiggemeinschaft tätig sein, zudem müssen die Betriebszentren der beteiligten Betriebe innerhalb einer Fahrdistanz von 15 Kilometer liegen. Ausserdem muss jeder der beteiligten Betriebe vor dem Zusammenschluss einen Mindestarbeitsbedarf von 0,20 SAK (Standardarbeitskraft) erreicht haben. (pd)

Dass es menschlich passt, ist Voraussetzung

Seither kümmern sie sich mit vereinten Kräften um die Futter- und Milchwirtschaft. Die Kühe der drei Familienbetriebe sind alle auf dem Hof von Reto Bodenmann im Giren. 46 Stück sind es. Die Zusammenführung der Herden war nicht leicht, die Kühe mussten sich aneinander gewöhnen. Die BZG erstreckt sich über 45 Hektaren, die drei Betriebe liegen in einem Umkreis von einem Kilometer auf dem Landberg bei Flawil.

Steiger, Bodenmann und Stüdli kennen sich schon seit Kindesbeinen. «Wir sind alle komplett anders gelagert, trotzdem passt es», sagt Steiger. «Das ist die Voraussetzung für eine solche Gemeinschaft.»

Von der Wirtschaft inspiriert

Hinter dem Zusammenschluss stecken pragmatische Überlegungen. Warum alleine machen, wenn es zu dritt einfacher geht und man sich mit Maschinen, Arbeitskraft und Wissen gegenseitig unterstützen könnte? «Es ist eine Denkweise, die wir aus der Wirtschaft gelernt haben», sagt Ernst Steiger. Er ist Landwirt und führt das Bauunternehmen Plania GmbH.

«Da werden Kostenrechnungen gemacht und Synergien genutzt. Auf dem Bau kommt eine Arbeitsgemeinschaft in einer Stunde zu Stande.»

Beispiele, wie man bei der BZG Giren-Landberg voneinander profitiert, gibt es viele: So stellt Steiger etwa für grössere Bauarbeiten seine Maschinen zur Verfügung. «Zurzeit sanieren wir die Verbindungsstrassen der drei Höfe», sagt er. «Wir versuchen, alle Arbeiten selber zu machen und möglichst auf externe Leistungen zu verzichten.»

Auch den alten Stall bei Bodenmanns haben sie gemeinsam neu eingerichtet, sodass er Platz für alle Kühen der Gemeinschaft bietet. Bodenmann erzählt, wie sein Melkroboter dank der höheren Tierzahl optimal ausgelastet sei. Und Stüdli, wie sie untereinander Handmähgeräte und Mähmaschinen austauschten, je nach Grösse der zu bearbeitenden Fläche.

«Wir sehen uns praktisch täglich»

Vor allem aber bietet die gemeinschaftliche Lösung ihnen und ihren Familien eine grössere Flexibilität, gerade während der Ferien und an den Wochenenden. «Wir wissen, wie es hier funktioniert», sagt Roman Stüdli.

«Eine Abwesenheit muss ich kaum vor- und nachbereiten. Wir vertrauen einander.»

So kümmert er sich zusammen mit Bodenmann um die Tiere. Jeden morgen sucht er den Stall seines Kollegen auf. «Wir sehen uns praktisch täglich.»

Durch diese Nähe fällt die Koordination ihrer Arbeiten leicht. Regelmässige Sitzungen sind nicht nötig. Man ist pragmatisch, hilft sich aus, leiht Maschinen aus, macht zusammen, was sinnvoll ist. Ohne sich dabei aber auf den Füssen zu stehen. «Wir haben genug Privatsphäre», sagt Steiger. Die romantische Vorstellung dreier Bauernfamilien am Mittagstisch entspräche nicht der Realität. Stehen aber grössere Entscheidungen an, setzt man sich zusammen, etwa wenn es um die Anschaffung von Maschinen und Geräten geht.

Jeder hat noch seinen eigenen Betriebszweig

Je grösser das Gemeinsame, desto grösser auch die gegenseitige Abhängigkeit, desto grösster der Verlust an Selbstständigkeit. Eine Betriebsgemeinschaft (BG), bei der die drei Betriebe komplett zusammengeführt worden wären, das wäre zuviel, finden alle drei. «Die Abhängigkeit wäre zu extrem, die Freiheit zu eingeschränkt», sagt Reto Bodenmann.

So haben in der BZG Giren-Landberg alle Beteiligten eigene Betriebszweige, die selbstständig weitergeführt werden. Die Familie Stüdli den Obstbau mit Direktvermarktung auf dem Hofladen, die Bodenmanns Mastkälber, und die Familie Steiger die Schafzucht und die Baufirma von Ernst Steiger.

Die Vorteile überwiegen

Mit der Gemeinschaft ist der bürokratische Aufwand gewachsen. Ein gemeinsamer Vertrag mit Verteilschlüssel regelt die Beteiligungen. «Die Abgrenzungen untereinander bringen dennoch viel Aufwand», sagt Stüdli. Nicht zu unterschätzen sei auch der administrative Aufwand, der für die Gründung der Gemeinschaft nötig gewesen war. Eine BZG oder BG muss vom Kanton bewilligt werden.

Dennoch: Die Vorteile überwiegen: «Wir sind sehr effizient und schlagkräftig geworden», sagt Steiger. Dass man den Schritt in die Gemeinschaft nochmals wagen würde, da sind sich alle drei einig. Auch wenn man erst am Anfang steht:

«Wir sind uns immer noch am Finden. Das ist ein langer, dynamischer Prozess.»