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Das Gesicht hinter dem Maskenball

Heute findet der Katerball in Rickenbach zum letzten Mal statt. Für Roland Wagner geht damit auch ein Kapitel seiner eigenen Geschichte zu Ende. Vor 57 Jahren war er einer der Gründer des einst rauschenden Fasnachtsfestes.
Lara Wüest
Über 200 alte Zöpfe und Perücken finden sich in Roland Wagners Keller. Bild: Lara Wüest

Über 200 alte Zöpfe und Perücken finden sich in Roland Wagners Keller. Bild: Lara Wüest

Ein Besuch im Haus von Roland Wagner ist wie eine Zeitreise durch sein Leben. Da sind die alten Fotos, die überall an den Wänden hängen, die Erinnerungsplaketten der St. Galler Reitermusik, seine Musikinstrumente oder die Kostüme, die er irgendwann einmal an der Fasnacht getragen hat. Jeder Zentimeter ist vollgestellt, wie in einem Labyrinth führen schmale Gänge in noch mehr Zimmer mit neuen Wunderdingen. Im Keller etwa, da hat es einen Raum, vollgestopft mit alten Zöpfen und Perücken. Über 200 sind es an der Zahl, wie viele genau weiss nicht einmal Wagner selber. Sie zeugen von seiner jahrelangen Arbeit als Coiffeur. Und von seiner Liebe für Maskenbälle und das Verkleiden.

Wagner, ein kleiner Mann mit schalkhaftem Lächeln, ist Fasnächtler. Seit der fünften Klasse schon. An seinen ersten Umzug ging er als Clown. Das Kostüm war einfach: alte Kleider aus dem Schrank. «Wir hatten kein Geld für teure Gewänder», sagt er und muss bei dieser Erinnerung schmunzeln. Es wird nicht das letzte Mal sein an diesem Vormittag, an dem Wagner an seinem Stubentisch in alten Zeiten schwelgt. Manches, das er erzählt, liegt bereits Jahrzehnte zurück, doch Wagner erinnert sich, als wäre es gestern gewesen.

Mittlerweile ist der Rickenbacher 83 und seit seiner ersten Fasnacht ist viel geschehen. Zusammen mit Freunden aus dem Musikverein Harmonie Rickenbach, in dem er über 60 Jahre lang das Cornett geblasen hat, und mit Bekannten aus dem Turnverein und dem Männerchor im Dorf gründete er etwa den Katerball. «Wir brauchten damals Geld für neue Uniformen», sagt Wagner. Und dieses sollte das Tanzfest ihnen einbringen. 57 Jahre ist das her. Keinen einzigen Ball habe er seither verpasst, sagt Wagner. Nicht einmal, wenn er krank war. Doch heute wird er sich zum letzten Mal für den Ball in Schale werfen. Denn dieser findet zum letzten Mal statt.

Ein grosser Ball wird klein

Einst war der Katerball einer der grössten Maskenbälle der Ostschweiz. Insider sagen, früher hätten über 2000 Feierfreudige in der Nacht des Schmutzigen Donnerstages ihren Weg in die Rickenbacher Schule gefunden, auf deren Areal der Ball seit jeher stattfindet. Später musste die Anzahl Gäste aus Sicherheitsgründen auf 2000 begrenzt werden. Seit dem ersten Ball im Jahr 1962 ist die Besucherzahl jedoch massiv zurückgegangen, nur noch knapp über 500 Gäste waren es zuletzt. Und mit den Gästen schwanden auch die Einnahmen, sodass sich die Organisatoren im vergangenen Jahr entschieden, den Ball heute zum letzten Mal zu veranstalten. Für Wagner, der eigentlich lieber über früher spricht als über seine Gefühle, geht mit dem Ball ein Kapitel seiner eigenen Geschichte zu Ende. Jahrelang hat er die Fäden im Hintergrund mitgezogen. Warum der Ball nun vor dem Aus ist, versteht er nicht. «Es war doch immer so gut.»

Eine geheimnisvolle Welt

Roland Wagner, kurz vor dem Krieg geboren, wuchs in einer bescheidenen Familie auf. Sein Vater war Coiffeur in Kirchberg, mit seinem Gehalt musste er elf Kinder, seine Frau und sich selber durchbringen. Als dieser mit 53 Jahren starb, war Roland Wagner gerade einmal zehn. Fortan musste auch er im Friseursalon mithelfen. «Manchmal habe ich bis 10 Uhr abends die Bärte eingeschäumt», erinnert er sich.

Es war ein strenges Leben, eines, in dem er «krampfen» musste. Auch später, als er seinen eigenen Coiffuresalon in Rickenbach führte und damit für seine Familie, eine Ehefrau und einen Sohn, das Geld verdiente. Die Fasnacht und der Ball mit all den Masken und prächtigen Gewändern waren für ihn eine andere, geheimnisvolle Welt. Eine, in der er feiern und musizieren konnte und manchmal auch ein anderer war: «Einmal gingen wir orientalisch verkleidet, hüllten uns in weisse Tücher und wickelten uns einen Turban um den Kopf», sagt Wagner, der sein ganzes Leben in Kirchberg und Rickenbach zugebracht hat. «Auf den Ball», sagt er, «habe ich mich stets das ganze Jahr gefreut.»

Aber nicht nur an Schönes erinnert sich der frühere Mitorganisator des Katerballes. An einem Abend tanzten so viele Gäste in dem Raum oberhalb der Turnhalle, dass sich der Boden zehn Zentimeter herabgesenkt hat. «Das hätte gut zusammenbrechen können», sagt Wagner und verzieht das Gesicht. Doch seine Augen blitzen auch ein wenig vor Stolz bei der Erinnerung an das rauschende Fest.

Am heutigen Ball-Abend, zu dem ihn sein Sohn und einer seiner beiden Enkel begleiten, wird Wagner ein letztes Mal in diese Welt eintauchen. Und wie bei seiner ersten Fasnacht wählt er dafür das Clownkostüm.

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