Das Essen kommt auf Rädern

Wiler Organisationen – Teil 1: Der Mahlzeitendienst des Spitex-Fördervereins erleichtert die Lebenssituation von älteren Menschen. Die Wiler Zeitung war unterwegs mit Ruedi Kiener. Er ist einer von 33 Fahrern und Fahrerinnen.

Friedrich Kugler
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Ein kurzes Gespräch wird von den Empfängern der Mahlzeiten sehr geschätzt.. (Bild: fk)

Ein kurzes Gespräch wird von den Empfängern der Mahlzeiten sehr geschätzt.. (Bild: fk)

WIL. Jeden Morgen bietet sich nach neun Uhr an der Rampe vor der Küche des Spitals Wil das gleiche Bild: Fünf Autos fahren vor. Die Fahrerinnen und Fahrer öffnen den Kofferraum, begutachten den bereitgestellten Plan mit den Mahlzeiten-Empfängern für die aktuelle Tour, verstauen die rund zehn Essen in den Kühlboxen mit grösster Sorgfalt im Fahrzeug und machen sich auf den Weg. Einer dieser Fahrer ist der in Bronschhofen wohnhafte Ruedi Kiener. Der 71jährige gebürtige Berner gehört dem Team der Mahlzeitenfahrer seit sieben Jahren an. Zu dieser Nebenbeschäftigung kam er, wie er erzählt, fast wie die Jungfrau zum Kind: «An der Beerdigung eines Kollegen, der Mahlzeitenfahrer war, fragte ich Doris Schobinger, die Mitbegründerin dieser Dienstleistung, wie man denn Mahlzeitenfahrer werde. Nach der Abdankung war ich es bereits.»

Ruedi Kiener, der während 37 Jahren im Dienste der SBB stand, bei seiner vorzeitigen Pensionierung vor neun Jahren als Projektleiter Signalanlagen, ist ein jovialer Mensch, der bei seiner vorwiegend weiblichen «Kundschaft» im Westquartier und im Quartier Reuttistrasse/Flurhofstrasse gut ankommt. Normalerweise ist er am Donnerstagmorgen unterwegs. «Einen Zwang verspüre ich bei dieser Freiwilligenarbeit nicht. Die Einsatzpläne werden frühzeitig erstellt, und wenn ich einmal abwesend bin, dann springt eine Kollegin oder ein Kollege für mich ein», sagt Ruedi Kiener.

Ein Lächeln entlocken

«Spitex-Mahlzeitendienst – grüezi Frau Steffen»: So meldet sich Ruedi Kiener jeweils durch die Gegensprechanlagen. Lange vor geschlossener Tür müssen die Mahlzeitenfahrer und -fahrerinnen selten warten. Sie liefern das Essen immer etwa zur gleichen Zeit aus. Ruedi Kiener versteht es mit seinem freundlichen Auftreten und einem netten Wort meisterhaft, den in ihrer Mobilität oft recht eingeschränkten und bisweilen ziemlich einsamen Menschen ein Lächeln zu entlocken. Für einen kurzen Schwatz findet er immer Zeit. Obwohl die Mahlzeiten jeden Tag von einer anderen Person ins Haus gebracht werden, kennen viele seiner Kundinnen und Kunden seinen Namen. Auf seiner Standardtour im Westquartier trifft er regelmässig auf bekannte Gesichter, lebte die Familie Kiener doch während 13 Jahren in der Eisenbahnersiedlung an der Othmarstrasse.

Ruedi Kiener ist für den Spitex-Förderverein eine ideale Besetzung: Er ist mobil, gesund und als Pensionierter nicht mehr in einen starren Zeitraster eingebunden. Dem gelernten Maschinenmechaniker aus der Agglomeration Bern liegt eine sinnvolle Freizeitgestaltung sehr am Herzen: «Mit meiner Nebenbeschäftigung trage ich dazu bei, dass betagte Menschen möglichst lang in ihren eigenen vier Wänden leben können.»

Verwahrloste Liegenschaften

Negative Erlebnisse hatte Ruedi Kiener noch nie, auch wenn er auf seinen Fahrten manchmal das Gefühl hat, dass sich alles gegen ihn verschworen habe. Beispielsweise dann, wenn sich die Wartezeit vor dem Lichtsignal an der Rudenzburg-Kreuzung wieder einmal hinzieht oder der Lift in einem Hochhaus lange auf sich warten lässt.

Zu denken geben ihm einzelne Wohnverhältnisse in der Stadt Wil. Auf seinen Touren wird er gelegentlich mit reichlich verwahrlosten Liegenschaften konfrontiert. Die positiven Aspekte der Nebenbeschäftigung überwiegen deutlich. Fest steht für den Bronschhofner, dass ihm diese Art von Freiwilligenarbeit menschlich einiges bringt. «Wenn es die Gesundheit erlaubt, mache ich gerne noch einige Jahre weiter», erklärt der kommunikative Mann, der sich im Männer-Jahrgängerverein Wil 1941–1945 überdies als Wanderleiter und Reiseorganisator engagiert.

In loser Folge porträtiert die Wiler Zeitung Organisationen und ihre Freiwilligen im Dienste der Bevölkerung.