Corona-Tagebuch
War das wirklich alles?

Es begann als Tagebuch über die Quarantäne. Nun wurde Redaktor Gianni Amstutz positiv auf das Coronavirus getestet. In seinem Tagebuch berichtet er über die Isolation und seine Erfahrungen mit Covid-19.

Gianni Amstutz
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Freitag, 27. November – Tag 5 seit den ersten Symptomen
Gianni Amstutz, Redaktor Wiler Zeitung.

Gianni Amstutz, Redaktor Wiler Zeitung.

Bild: Hans Suter

Die Symptome sind grösstenteils verschwunden. Am Donnerstag fühlte ich mich noch sehr energielos, weshalb ich den Nachmittag zur Erholung genutzt habe. Heute scheint sich die Müdigkeit aber in Grenzen zu halten.

Es sieht ganz danach aus, als würde ich die Coronainfektion schadlos überstehen. Obwohl das zu erwarten war, frage ich mich fast schon ungläubig, ob es das schon gewesen ist.

Klar, Langzeiteffekte sind noch grösstenteils unbekannt. Diese sollen auch bei Personen vorkommen, die nur geringe Symptome aufwiesen. Aber in erster Linie schätze ich mich glücklich, zu den 80 Prozent zu gehören, die keine schwere Krankheit durchmachen mussten.

Eine richtige Belastungsprobe

Etwas unsicher bin ich noch, wie ich einer grösseren Belastung standhalten werde. Der Praxistest dafür fehlt mir bisher noch. Bei der Arbeit konnte ich mir diese Woche immer mehr als genug Zeit lassen für meine Aufgaben. Am Sonntag folgt nun die erste richtige Belastungsprobe mit dem zweiten Wahlgang in Wil.

Danach folgen dann noch ein paar weitere Tage in Isolation, bevor ich am Donnerstag das erste Mal seit 15 Tagen die Wohnung wieder verlassen kann. Ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk.

Mittwoch, 25. November – Tag 3 seit den ersten Symptomen

Es ist Tag 6 der Quarantäne, die seit meinem positiven Coronatest formell in eine Isolation umgewandelt wurde. Tatsächlich ist das aber – abgesehen davon, dass der Countdown zur Freiheit wieder von vorne beginnt – eine Lockerung. Die Wohnung darf ich selbstverständlich weiterhin nicht verlassen, aber zumindest innerhalb der WG können sich mein Mitbewohner und ich nun wieder völlig frei bewegen.

Covid-19 hat einen weiteren Vorteil: Langeweile kommt trotz Isolation nicht auf. Denn eine konstante Müdigkeit scheint bei mir eines der Hauptsymptome zu sein. Spätestens um 20 Uhr überkommt mich der Schlaf.

Kein Fieber, keine Halsschmerzen

Glücklicherweise halten sich sonst die Auswirkungen in Grenzen. Keine Spur von Fieber, besorgniserregendem Husten oder Halsschmerzen. Neben der Müdigkeit ist es vor allem die Unfähigkeit, mich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren, die mir zu schaffen macht. Ersteres könnte dafür natürlich der Auslöser sein.

Auch mein Appetit hält sich in Grenzen. Ich gehöre nicht zu jenen, die völlig asymptomatische Verläufe von Covid-19 durchmachen und nur durch Routine-Tests von ihrer Ansteckung erfahren wie etwa Sportler. Alles in allem kann ich mich aber glücklich schätzen, weise ich nur geringe Symptome auf.

Trotzdem hoffe ich, dass ich möglichst bald auch diese Auswirkungen nicht mehr spüre. Vielleicht klappt’s ja schon heute Abend damit, nicht vor 20 Uhr einzuschlafen. Immerhin stünde die Champions League auf dem Programm.

Dienstag, 24. November – Tag 5 in Quarantäne

Es ist inzwischen Tag 5 der Quarantäne. Rund die Hälfte ist damit geschafft. Etwas sagt mir aber, dass ich doch etwas länger zuhause bleiben muss. Gestern Abend zeigten sich erste Symptome, die auf eine mögliche Infektion hindeuten.

Während ich normalerweise nicht vor Mitternacht schlafen gehe, überkam mich gestern Abend bereits um 19 Uhr eine ungewohnte Müdigkeit. Auch heute Morgen fühlte ich mich etwas energielos, was aber auch daran liegen könnte, dass ich, nachdem ich um 23 Uhr nach vier Stunden Schlaf wieder aufgewacht bin, nicht mehr wirklich gut einschlafen konnte.

Es gehört wohl dazu, dass man mögliche Krankheitssymptome mit dem Coronavirus in Verbindung bringt, wenn der Mitbewohner daran erkrankt ist, sage ich zu mir selbst. Wir halten uns zwar an Abstands- und Hygieneregeln, lüften regelmässig, tragen Masken und desinfizieren Flächen. Ob das allerdings ausreicht, ist schwer zu sagen. Denkbar wäre ja, dass ich mich bereits vor dem Bekanntwerden der Corona-Ansteckung meines Mitbewohners angesteckt habe.

Nur milde Symptome

Die Symptome – wenn es denn solche sind – beschränken sich bislang auf Müdigkeit und das vermehrte Auftreten von Gänsehaut. Auch das Fokussieren auf die Arbeit fällt mir etwas schwerer. Das könnte aber wiederum am Schlafmangel liegen.

Ich habe aber weder Fieber noch Husten. Das Thermometer zeigt am Mittag 37,8 Grad an. Das ist allerdings an der unteren Grenze zur erhöhten Temperatur.

Deshalb geht’s am Nachmittag zum Coronatest. Immerhin lautet so die offizielle Empfehlung des Kantons. Da ich jetzt – falls ich positiv sein sollte – am ansteckendsten bin, fühlt sich der Weg zum Bahnhof etwas unangenehm an. Glücklicherweise sind nicht viele Leute unterwegs, was die Einhaltung des Abstands erleichtert.

Das Gehirn kitzeln

Der Test selbst geht dann schnell, ist aber so unangenehm wie man es immer wieder hört und liest. Fast scheint es so, als wolle die Ärztin mit dem Stäbchen mein Gehirn kitzeln, so weit schiebt sie es in meine Nase.

Der zuständige Arzt wundert sich etwas, dass ich mich überhaupt testen lasse. Ich lese ihm die entsprechende Stelle meiner Quarantäneanordnung vor: «Überwachen Sie während der gesamten Quarantäne-Zeit Ihren Gesundheitszustand und lassen Sie sich beim Auftreten von Symptomen testen.»

Für ihn scheint der Fall jedoch längst klar zu sein. Nachdem er kurz meine Temperatur gemessen hat, konstatiert er: «Sie haben ganz sicher Corona.» Neben den Symptomen spricht auch der Kontakt und der Zeitpunkt der ersten Symptome meines Mitbewohners dafür.

Patient 302'458

Kaum zuhause angekommen, folgt auch schon die Bestätigung per Mail. Ich weise Antikörper auf, die eine Infektion mit dem Coronavirus belegen. Überraschend kommt das nicht mehr.

Nach einem Jahr Pandemie fühlt sich das Testergebnis auch nicht mehr dramatisch an. Ich bin nicht Patient 0, nicht einmal in der Schweiz, sondern schätzungsweise Patient 302'458. Rund 300'000 Fälle waren es am Dienstag in der ganzen Schweiz. Die meisten davon – vor allem in meiner Altersklasse – haben die Krankheit unbeschadet überstanden. Ich bin zuversichtlich, dass es bei mir genauso ist.

Montag, 23. November – Tag 4 in Quarantäne

Jetzt ist es da. Das Virus, welches das Leben der meisten Menschen die vergangenen Monate auf den Kopf gestellt hat. Bisher war es für mich wenig greifbar, ein diffuses Phänomen, dass sich auf die täglichen Fallzahlen, Hospitalisationen und Todesfälle beschränkte.

Die einzigen spürbaren Auswirkungen waren die Massnahmen wie Homeoffice, Reisebeschränkungen und verringerten Öffnungszeiten der Bars.

Nun drohe ich selber Teil dieser Statistiken zu werden und hoffe, dass ich – wenn überhaupt – nur in der ersten Kategorie vorkomme. Corona hat in Form eines positiven Testergebnisses des Mitbewohners Einzug in die eigenen vier Wände gehalten.

Der Schnelltest macht seinem Namen alle Ehre

Kopfschmerzen und ein leichtes Kratzen im Hals waren die Anzeichen, die ihn veranlassten, am Freitag einen Schnelltest zu machen. Nur zehn Minuten nachdem er wieder zuhause war, kam die Bestätigung per Mail: positiv.

Die Auswirkungen für ihn sind vergleichbar mit jenen für mich – mal abgesehen von der Krankheit selbst, die sich bei ihm jedoch bis jetzt nur mit milden Symptomen äussert. In Quarantäne beziehungsweise Isolation müssen aber beide. Er für zehn Tage, wobei er mindestens 48 Stunden symptomfrei sein muss. Ich wohl auch für zehn Tage lang.

Contact Tracing? Von wegen!

Vielleicht auch länger. Denn wenn es mich auch noch trifft, dann sind es ab dem Zeitpunkt der ersten Symptome wieder mindestens zehn Tage. Das zumindest nehme ich an.

Der Kanton hat sich nur bei meinem Mitbewohner gemeldet, um eine Liste mit seinen Kontakten in den letzten Tagen zu übermitteln. Selbstredend stehe ich auch drauf. Gehört habe ich aber noch nichts. Augenscheinlich setzt man in St.Gallen auf Eigenverantwortung.

Eine offizielle Quarantäneanordnung? Fehlanzeige. Das Contact Tracing wird den Betroffenen selbst überlassen. Zwei Freunde, die ich am Donnerstag zum Fondue getroffen habe, müssten eigentlich nicht in Quarantäne, da ich selbst nicht betroffen bin. Weil am Freitag aber noch unklar ist, ob die Infektion bereits in mir schlummert, sich einfach noch nicht gezeigt hat, wird trotzdem ein Anruf fällig.

Bin ich ein Spreader?

Unweigerlich überkommt einen dabei ein gewisses Schuldgefühl. Nicht nur, weil sie sich fürs Wochenende in eine selbstverordnete Quarantäne begeben, um abzuwarten, ob sich bei mir doch noch Symptome entwickeln. Es besteht ja auch das kleine Risiko, dass ich sie angesteckt habe und ein noch viel kleineres Risiko, dass die Krankheit bei ihnen einen schweren Verlauf nehmen könnte.

Glücklicherweise waren die beiden meine einzigen Kontakte in den vergangenen Tagen. So drohe ich immerhin nicht zum Superspreader zu werden. Schlimmstenfalls habe ich zwei Personen infiziert, was dem Ziel, der Reproduktions-Wert unter 1 zu bekommen aber trotzdem abträglich wäre.

Stand Montagmittag zeigen jedoch glücklicherweise weder sie noch ich Symptome. Sie dürften damit aus dem Schneider sein. Bei mir sieht das etwas anders aus, schliesslich ist das Virus nun Teil meiner Wohngemeinschaft.