Das Auge hört mit

Der Beginn der neuen Tonhallensaison wurde Samstagabend mit dem Berliner Swing Dance Orchestra gefeiert – mit überwältigendem Erfolg.

Carola Nadler
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WIL. Swing ist nicht gleich Swing – man kann diese Musik spielen, ob nun mit angeborenem oder erlerntem «Swing Feeling». Der berühmte Funke springt aber erst dann über, wenn im Orchester gelacht wird, wenn ein Schlagzeuger an seinem Instrument Kapriolen schlägt, wenn gutmütige Seitenhiebe des Bandleaders in seiner Moderation mit einem Grinsen eingesteckt werden.

Was diesbezüglich am Samstagabend in der Tonhalle zu erleben war, ging weit über Professionalität hinaus und zeugte von echter Liebe zu dieser Musik, von Hingabe.

Originale

Das Swing Dance Orchestra pflegt – abgesehen von Originalinstrumenten, wobei eines der Baritonsaxophone von einer wunderschönen Patina überzogen war – sozusagen «historische Aufführungspraxis»: An den ursprünglichen Arrangements wurde nichts geändert und selbst wenn bei Songs wie «Only you» Originalnoten fehlten, bemühten sich die Arrangeure um grösstmögliche Authentizität. Authentisch war denn auch das visuelle Erscheinungsbild: Von den breiten Revers der 40er-Jahre bis zur Pomade im Haar. Und es gab noch mehr Authentizität: Es wurde auf jegliche elektronische Verstärkung verzichtet, lediglich die Gesangsparts wurden mit Brikett-Mikrophonen im Retrostil verstärkt.

Was zu einem heute ungewohnten Klangerlebnis führte: Nicht übermässig laut, dafür absolut unverfälscht kam der teils satte, teils scharfe Sound des Orchesters von der Bühne, überlagerte manchmal den Gesang, aber eben, diese Authentizität strahlte einen ungemein ungekünstelten Charme aus.

Lebensfreude

Das Wiler Publikum liess sich schnell vom «Berliner Schmiss» begeistern, weit vor der Pause klang der Applaus enthusiastisch, Soli wurden nicht pflichtgemäss, sondern spontan begeistert verdankt. Was sonst allenfalls einem Radetzky-Marsch in der Zugabe gelingt, schaffte das Orchestra von Beginn an: Es steckte mit seiner musikalischen Lebensfreude an. Ein für die Spielzeiteröffnung der Tonhalle absolut gelungener Coup.