In der «Grünstadt» Degersheim bräunen sich die Rasenflächen – Schuld sind nächtliche Besucher

Gleich an mehreren Orten ähneln seit kurzem öffentliche Rasenflächen fein gepflügtem Ackerland. Schuld ist der Dachs, der sich nachts in den bebauten Raum schleicht um sich an den eiweissreichen Engerlingen unter der Erde gütlich zu tun.

Andrea Häusler
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Den Dachs bekommt der Mensch kaum je zu Gesicht, ausser er tappt wie hier in eine Fotofalle.

Den Dachs bekommt der Mensch kaum je zu Gesicht, ausser er tappt wie hier in eine Fotofalle.

Bild: PD

Vor einigen Wochen war es der Rasen zwischen der Kantonalbank und der Post. Die sonst sattgrüne Fläche wirkte zerzaust, als hätte ein ganzer Krähenschwarm nach Würmern gescharrt. Jetzt bietet sich im südlichen Pärkli der katholischen Kirche ein vergleichbares Bild: Halme, Wurzeln und Erde sind wild durcheinandergewühlt. Kahle Stellen, Erdkrümel und verdorrte Grasbüschel werfen die Frage auf: Wer hat hier bloss gewütet? Gottfried Jud, Gemeinderat, Tierschutzbeauftragter und Degersheims privater Wildhüter, löst das Rätsel: Das war der Dachs.

Zu Gesicht bekommt man den scheuen Allesfresser mit der feinen Nase, den starken Krallen und dem schier unstillbaren Appetit auf proteinreiche Würmer, Schnecken und Engerlinge nur selten. Obwohl er mit einer Gesamtlänge von gegen einen Meter und einem Gewicht von bis zu 20 Kilogramm eine stattliche Grösse hat. Denn Meister Grimbart ist ausschliesslich im Schutz der Dunkelheit unterwegs.

Der Rasen südlich der katholischen Kirche von Degersheim. Dachse stochern mit ihrer Schnauze nach Engerlingen, Regenwürmern oder Larven und graben so ganze Rasenanlagen um.

Der Rasen südlich der katholischen Kirche von Degersheim. Dachse stochern mit ihrer Schnauze nach Engerlingen, Regenwürmern oder Larven und graben so ganze Rasenanlagen um.

Bild: Andrea Häusler

Gottfried Jud weiss, welche Schäden Dachse in Gärten und Anlagen anrichten können, kennt aber auch die Probleme der Bestandsregulierung. «Dachse sind schlau, hören und riechen ausgezeichnet. Entsprechend leicht fällt es ihnen, mit dem Jäger Katz und Maus zu spielen», sagt er und erinnert sich: «Es gab eine Nacht, da sass ich stundenlang an und merkte nicht, dass sich der Dachs wenige Meter hinter mir befand.»

Riskante Abschüsse in bewohnten Gebieten

Jud bestätigt, dass er bereits darauf angesprochen worden ist, die tierischen Vandalen zu schiessen. Nur sei dies im bebauten Raum problematisch. Nicht nur, weil nächtlicher Schiesslärm die Bevölkerung beunruhige. «Das Risiko von Querschlägern ist zu gross.» Bliebe die Fangfalle. «Und der damit verbundene Aufwand», ergänzt Jud. Diese müssten jeden Morgen kontrolliert werden. «Denn ein Tier soll nicht unnötig leiden», betont er.

Aufgrund dieser Überzeugung hat er auch kein Verständnis für Automobilisten, die Tiere anfahren und den Vorfall nicht melden. Fünf Dachse, die im Scheinwerferlicht stehengeblieben und angefahren worden waren, hatte er in den vergangenen Monaten von der Strasse geholt. «Es tut jedes Mal weh», sagt Jud, der als Jäger diesen Sommer vier Dachse geschossen hat.

Wie viele dies in Relation zum Gesamtbestand sind, vermag er nicht zu beurteilen. Fest stehe, dass es um Degersheim sehr viele grosse – teilweise von Füchsen mitbewohnte – Dachsbauten gebe., erklärt er. Und weiter:

«Jetzt sind die Jungtiere vom vergangenen Frühjahr unterwegs und fressen sich Fett für den Winter an.»

Dass es in diesem Herbst ungewohnt oft zu Schäden an Grünanlagen gekommen ist, hält Jud für einen Zufall. Und er entwarnt: «Wenn der erste Frost eintritt, ist der Spuk vorbei.» Die Dachse zögen sich dann für die Winterruhe zurück.

Grundeigentümer bleiben auf den Kosten sitzen

Die Behebung der Schäden ist für die Grundeigentümer mit Ärger, Arbeitsaufwand und oft auch mit Kosten verbunden. Die Chancen auf eine Entschädigung hingegen stehen schlecht. Denn laut dem St.Galler Jagdgesetz hat die Verhütung von Wildschaden gegenüber einer Entschädigung von Schäden Vorrang. Das heisst: Die Besitzerin oder der Besitzer trifft vorbeugende Massnahmen, soweit diese zumutbar und mit den geltenden jagdlichen Zielen vereinbar sind. Eine Degersheimerin, deren Grundstück vor rund zwei Jahren vom Dachs heimgesucht worden war, hat sich mit einem Zaun beholfen. Bezahlt hat sie ihn selber.

Ultraschallpiepstöne bringen nichts

In seinem Merkblatt «Dachse» gibt das kantonale Amt für Natur, Jagd und Fischerei Tipps, wie Schäden vermieden werden:

Zutritt verwehren: Ein niedriger zweilitziger Elektrozaun mit einer Spannung von 4000 Volt verhindert, dass Dachse den Rasen betreten.

«Die Suppe versalzen»: Intensive Gerüche, etwa von Hunden, natürlichen oder künstlichen Mitteln, vergällen den Dachsen die Mahlzeit (Wildgranix®).

Mit Wasser erschrecken: Ein Sprinkler mit Bewegungsmelder schreckt Dachse ab.

Licht, laute Geräusche oder die Piepstöne der sogenannten Katzenschreckgeräte hingegen vertreiben die Dachse laut Merkblatt nicht. (ahi)