Kolumne

Seitenblick: Plötzlich ist alles anders

Viele Menschen verhalten sich heute auffallend anders als vor der Coronakrise: freundlicher, kommunikativer, einfühlsamer.

Hans Suter
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Hans Suter

Hans Suter

Bild: PD

Frühmorgens beim Postfach. «Guten Morgen, wie geht es Ihnen?» – «Gut, danke, und Ihnen?» – «Danke, gut, man muss sich halt dreinschicken und an die Umstände gewöhnen.» – «Ja, das müssen wir wohl alle. Hoffen wir, dass bald alles wieder gut kommt. Einen schönen Tag!» – «Danke, das wünsche ich Ihnen auch. Und bleiben Sie gesund!»

Menschen, die sich kaum kennen, haben plötzlich das Bedürfnis, miteinander zu reden. Eilen sie sonst wortlos in den Postfachraum und verlassen diesen ebenso wortlos mit vollen Händen wieder, geht plötzlich alles ganz langsam vonstatten. Kein emsiges Treiben, kein Stressen, kein Parkplatzwegschnappen, sondern Ruhe, Aufmerksamkeit, Zuvorkommen. «Es ist etwas für die Geschichtsbücher», sagt der ETH-Epidemiologe Marcel Salathé. Zwar meint er damit die tragischen Folgen des Coronavirus. Doch das, was sich nun tief im Innern vieler Menschen vollzieht, ist gleichermassen für die Geschichtsbücher.

Wer vor der Coronakrise das Individuelle beschwor, sich nicht mehr als nötig mit anderen Menschen abgab und sich schon gar nicht deren Sorgen und Nöte anhören wollte, sucht plötzlich Kontakt. Es ist, als beschliche viele Menschen ein derart beängstigendes Gefühl der Einsamkeit, dass sie diesem aus einem inneren Zwang oder gar aus purer Panik heraus sofort entrinnen müssen. Die Menschen suchen menschlichen Kontakt und möchten sich begegnen, miteinander reden, sich berühren. Weil sie es jetzt nicht dürfen, wird ihnen bewusst, was soziale Kontakte bedeuten. Worte wie Zuhören, Aufmerksamkeit, Empathie, Resilienz bekommen einen Inhalt.

Zugleich kommt es zu einer kaum je dagewesenen Diskriminierung älterer Menschen. «Man gibt mir das Gefühl, ‹was will denn die da, die soll lieber zu Hause bleiben›. Obwohl ich freundlich grüsse, kommt kein Gruss zurück», schrieb eine Dame an die Redaktion. Sie geht nur im meist menschenleeren Naturschutzgebiet spazieren und nimmt es gelassen: «Da muss ich drüber hinwegschauen, ist ja das kleinste Problem.»

Bemerkenswert ist auch der Wandel bei den Grussformeln. Statt «Tschau» oder «Auf Wiedersehen» heisst es nun: «Bleiben Sie gesund!»