Chinesisch aus dem Rathaus

«Vorrei un gelato!», «Merhaba!» oder «Pardon, où est la gare?»: Damit das Gegenüber am Ferienziel nicht nur Bahnhof versteht, kann es hilfreich sein, ein paar Wörter oder Sätze in der jeweiligen Landessprache zu büffeln.

Ursula Ammann
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St. Gallen - Ursula Ammann Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Ursula Ammann)

St. Gallen - Ursula Ammann Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Ursula Ammann)

«Vorrei un gelato!», «Merhaba!» oder «Pardon, où est la gare?»: Damit das Gegenüber am Ferienziel nicht nur Bahnhof versteht, kann es hilfreich sein, ein paar Wörter oder Sätze in der jeweiligen Landessprache zu büffeln. Übersetzungsbücher gibt es wie Sand am Meer – sei es für Italienisch oder Türkisch.

Aber auch die eigene Muttersprache kann einem fremd, ja gelegentlich sogar chinesisch vorkommen. Insbesondere, wenn sie aus Verwaltungskreisen stammt. Führt man sich einmal die Legislaturziele des Wiler Stadtrats zu Gemüte, so springen einige interessante Sprachkreationen ins Auge. Diese lassen zwar erahnen, um welches Thema es geht. Doch bei der Aufgabe, sie in einfache Worte zu übersetzen, kämen wohl viele ans Ende ihres Lateins. Was genau ist ein «städtebaulicher Kristallisationspunkt» und was eine «Heimat vermittelnde Lernatmosphäre»? Wofür steht ein «flankierendes Verkehrsmanagement» und was ist unter einer «erzieherischen Signalsetzung» zu verstehen? Schon etwas verständlicher klingen Begriffe wie «generationenübergreifende Begegnungsmöglichkeiten», «Willkommenskultur» oder «hohe Aufenthaltsqualität». Um zu erklären, was eine «vertikale und horizontale Koordination» ist, muss jemand dagegen wohl mindestens ein Semester Wirtschaft studiert haben – womit er sicher auch seine Chancen auf einen «hochwertigen Arbeitsplatz» erhöht.

Fast schon als Slang durchgehen könnte der Ausdruck «rollender Langsamverkehr». Obwohl: Wer genau dazu zählt, ist nicht auf Anhieb klar. Sind auch Skateboarder damit gemeint? Mit Sicherheit in diese Gruppe gehören die Velofahrerinnen und Velofahrer. Die, die in Wil zunehmend vom Bahnhof verdrängt werden, weil die Veloeinstellhalle immer häufiger von Wildpinklern heimgesucht wird und damit zum Pissoir verkommt. Gut möglich, dass sich der Stadtrat in der nächsten Legislatur dieses Problems annimmt. Die Zielsetzung würde dann lauten: «Die Stadt Wil gestaltet die Rahmenbedingungen in der Veloeinstellhalle am Kristallisationspunkt des öffentlichen Verkehrs dahingehend, dass sich die Willkommenskultur für wild miktionierende Personen vermindert und damit die Aufenthaltsqualität für die Teilnehmenden des rollenden Langsamverkehrs erhöht.»

ursula.ammann@wilerzeitung.ch