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Berieselnde Klänge am Telefon

Es ist eine aussterbende Gattung: Institutionen mit einer Telefonwarteschleife, welche den Anrufenden nicht mit Musik berieseln, sondern mit Stille empfangen. Von Gemeinden über Unternehmen bis zu Ärztezentren – alle möglichen Einrichtungen schwören auf Musik für Warteschleifen.
Tobias Söldi
Oft wird einem die Wartezeit in der Telefonschleife versüsst. (Bild: Susann Basler)

Oft wird einem die Wartezeit in der Telefonschleife versüsst. (Bild: Susann Basler)

Tobias Söldi, Redaktion Wil

Tobias Söldi, Redaktion Wil

Eine Typologie bringt zwei Tendenzen zutage: Zum einen erklingen durch den Telefonhörer die Klänge grosser klassischer Werke. Studien sollen ergeben haben, dass klassische Musik positive Auswirkungen auf Herzfrequenz, Blutdruck und Atmung ausüben. Zu prüfen wäre also die These, ob besonders Ämter auf klassische Musik zurückgreifen, die ein grosses Ärgerpotenzial für die Anrufenden bieten. Das Steueramt zum Beispiel.

Die Musik der zweiten Tendenz ist moderner. Es sind sanfte, esoterisch anmutende elektronische Klänge, die einen einhüllen und einlullen. Wenn dann – nach Minuten – jemand das Telefon abnimmt, erwacht man auf wie aus einem Tagtraum. Bei Victura, dem Schweizer Marktführer in Sachen Telefon- und Sprachansagen heissen diese Musikstücke bezeichnenderweise «Lounge», «Wave» und «Chill». Die Idee ist klar: Wer aus einem wütenden Impuls heraus bei der Gemeinde anruft, soll zuerst einmal etwas herunterfahren. Der Ärger wird ob der sanften Musik von alleine verpuffen.

Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis auch die Warteschlaufe als Werbeträger entdeckt wird. Gemeinden könnten jungen Bands aus ihrer Region eine Plattform bieten. Sie könnte aber auch auf die anstehende Gemeindeversammlung hinweisen oder dem Anrufer den aktuellen Stand seiner Steuerschulden mitteilen. Einen Zusatzbatzen verdiente die Gemeinde sich, wenn sie diese Zeit an den Coop oder die Migros vermietet, die dort ihre Aktionen anpreisen können.

Damit verschwände aber auch einer der letzten noch nicht dem Leistungsprinzip unterworfenen Orte. Ein Hoch darum auf jene anachronistischen Warteschleifen, in denen keine Musik zu hören ist. In einer Zeit der ständigen Reizüberflutung sind einige Sekunden Stille ein seltener Genuss.

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