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Chancen packen statt nur nach Problemen suchen

Leitartikel zur Standortentwicklung Wil West.
Hans Suter
Die Standortentwicklung Wil West soll die Ansiedlung von 2000 bis 3000 Arbeitsplätzen ermöglichen. (Bild: Hanspeter Schiess und Urs Bucher)

Die Standortentwicklung Wil West soll die Ansiedlung von 2000 bis 3000 Arbeitsplätzen ermöglichen. (Bild: Hanspeter Schiess und Urs Bucher)

Die Stadt und die Region Wil stehen mit dem Generationenprojekt Wil West vor einer einzigartigen Chance. Und damit gleichzeitig vor einem erheblichen Problem, weil man sich in der Stadt Wil gemeinhin schwertut mit Zukunftsprojekten. So vergingen bis zur Realisierung des Stadtmarktes oder des Stadtsaals satte 20 Jahre. Bezeichnend ist auch, dass bei der Gestaltung der Fussgängerzone Obere Bahnhofstrasse nur nebenbei von den Chancen für den Detailhandel gesprochen wurde. Im Vordergrund standen mögliche Umsatzeinbussen wegen fehlender Parkplätze direkt vor der Ladentüre und das Ansinnen, die Bodenplatten aus China zu beziehen. Diese Liste liesse sich um einiges fortsetzen. Kurzum:

Wil neigt dazu, in Problemen statt in Lösungen zu denken.

Dieses Verhalten ist insofern erstaunlich, als Wil in mehrfacher Hinsicht auch eine Pionierrolle einnimmt. Beispiele sind die Einführung des Stadtparlaments im Jahr 1985 oder die Gründung grenzüberschreitender Institutionen wie einer gemeinsamen Kantonsschule der Stände Thurgau und St.Gallen, des Sicherheitsverbundes Region Wil und der Thurvita als umfassende Serviceorganisation für ältere Menschen. Oder der pragmatische Anschluss der katholischen Kirchgemeinde Rickenbach an Wil trotz unterschiedlicher Bistümer.

Investitionen von 130 Millionen Franken

Und jetzt steht also die Realisierung der Standortentwicklung Wil West an. Mit 22 involvierten Gemeinden und Infrastrukturkosten von mehr als 130 Millionen Franken ist es das bislang grösste und kostenintensivste gemeinsame Projekt in der Region Wil. Damit einhergehend auch jenes, das am meisten Zeit beansprucht. Schon das allein macht das Vorhaben zu einem Generationenprojekt. Das Ziel lautet: In den nächsten 25 Jahren das Gebiet Wil West zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort auszubauen und einen hohen volkswirtschaftlichen Nutzen zu generieren.

Nicht auf Vorrat bauen

Geplant sind in der Gemeinde Münchwilen auf einer Fläche von zehn Hektaren aktuell 1500 bis 2000 Arbeitsplätze und in der angrenzenden bereits bestehenden Gewerbe- und Industriezone Gloten (Gemeinde Sirnach) 250 bis 1000 Arbeitsplätze. Die vorgesehene Entwicklung in Etappen soll eine kontrollierte, marktnahe und zugleich lokal verträgliche Arealentwicklung erlauben. Explizit festgehalten ist: Es wird nicht auf Vorrat gebaut. Einzelne Flächen werden erst bei entsprechender Nachfrage freigegeben. Der Schwerpunkt der Nutzung liegt auf möglichst wertschöpfungsintensiven Tätigkeiten mit hohem Innovationsgrad in den Branchen Dienstleistung, Gewerbe und Industrie.

Politische Fehlleistung

Der Ursprung von Wil West liegt nicht in einer visionären Idee, wie man vermuten würde. Vielmehr liegt er in einer – aus heutiger Sicht – politischen Fehlleistung, die gut 50 Jahre zurückliegt. Der Autobahnanschluss Wil West wäre nämlich bereits gegen Ende der 1960er-Jahre beim Bau der damaligen N1 und heutigen A1 realisiert worden, hätte Wil dies nicht explizit abgelehnt.

Weniger Zersiedelung anstreben

Seit Jahren versinkt die Stadt im Verkehrschaos. Das hat einerseits mit dem Bevölkerungswachstum, neu geschaffenen Arbeitsplätzen und gesunkenem Wohlstandsgefälle, andererseits mit dadurch entstandenen ungelösten Verkehrsführungsproblemen zu tun. Die Einwohnerzahl ist seit dem Jahr 1970 um mehr als 30 Prozent auf knapp 24000 gestiegen. Der Verkehr hat in noch weit grösserem Mass zugenommen. Allein die Toggenburgerstrasse wird heute jährlich von mehr als 6 Millionen Fahrzeugen befahren. Kein Wunder, wurde der Ruf nach einem Autobahnanschluss Wil West immer lauter. Der Bund bewilligt ein solches Bauwerk aber nur, wenn damit auch ein Entwicklungsgebiet erschlossen und nicht nur eine «angenehme» Umfahrung realisiert wird. So haben die 22 im Verein Regio Wil vereinten Gemeinden beschlossen, im Rahmen der Agglomerationsprogramme westlich der Stadt Wil einen Entwicklungsschwerpunkt zu realisieren und damit der Zersiedelung in den Gemeinden Einhalt zu gebieten.

Übersetzt heisst das: Die Mitgliedsgemeinden der Regio Wil verzichten zugunsten von Wil West auf eine Ausdehnung ihrer eigenen Industrie- und Gewerbezone. Ganz so uneigennützig, wie das klingen mag, ist es dann aber doch nicht. Die juristischen Personen (Firmen) machen in vielen Gemeinde nur gerade 10 Prozent an den Steuereinnahmen aus. 90 Prozent des Steuersubstrats entfällt auf natürliche Personen, also Angestellte mit einem Lohnausweis. Je mehr diese verdienen, desto höher fallen die Steuereinnahmen der Neuzuzüger aus. Und das ohne negative industrielle und gewerbliche Begleiterscheinungen wie Maschinenlärm, Lastwagenverkehr oder Gerüche.

Verkehrsfluss verstetigen

Mit dem Autobahnanschluss Wil West wird aber auch eine Verkehrsentlastung in der Stadt Wil angestrebt. Das Ziel lautet, das Stadtzentrum grossflächig vom Durchgangsverkehr zu befreien. Je nach Fahrziel wird man zirka ab dem Jahr 2023/2024 den östlichen oder westlichen A1-Anschluss wählen können und nicht mehr durch das Stadtzentrum fahren müssen. Dazu sind jedoch flankierende Massnahmen nötig. Auch deshalb, weil es in Zukunft noch mehr Verkehr geben dürfte. Gemäss Prognosen wird das Verkehrsaufkommen in der Region Wil bis 2035 um rund 20 Prozent ansteigen. Das Verkehrssystem ist zu Stosszeiten aber bereits heute überlastet. Staus, Schleichverkehr in den Quartieren, Verspätungen im öffentlichen Verkehr und Emissionen sind die viel kritisierten Folgen. Im Rahmen der Standortentwicklung wird daher angestrebt, dass der Verkehr insbesondere in den Siedlungskernen in einem verträglichen Mass erfolgt, der Verkehrsfluss verstetigt wird und ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Individualverkehr, Langsamverkehr und ÖV möglich ist.

Zweithöchster Betrag in der Schweiz

Mit 37 Millionen Franken und einem Mitfinanzierungsanteil von 35 Prozent beteiligt sich der Bund an der Umsetzung der rund 20 Massnahmen des Agglomerationsprogramms Wil. Es ist schweizweit der zweithöchste Betrag, den der Bund an ein Aggloprogramm der drittenGeneration leistet. Kritik dürften in der Stadt Wil die Teilprojekte Netzergänzung Nord und Netzergänzung Ost auslösen. Bei der Netzergänzung Nord handelt sich um eine neue Strassenverbindung von Wil West nach Bronschhofen, bei der Netzergänzung Ost um die Grünaustrasse, die vom Gamma-Kreisel direkt in die Konstanzerstrasse führen und dadurch die Tonhallestrasse entlasten soll. Bei diesem an der Urne schon einmal abgelehnten Projekt wird derzeit auch eine Tunnelvariante geprüft. Wie aus der Kantonshauptstadt zu vernehmen ist, wird mit Kosten von 200 Millionen Franken gerechnet. Fragt sich, wer das bezahlen kann, will oder muss.

Wil steht sich selber im Weg

Bis hierhin ist die Standortentwicklung ein chancenreiches Zukunftsprojekt, das voraussichtlich ab dem Jahr 2023 baulich umgesetzt werden kann. Doch nun beginnt der politische Prozess, der in Wil zuweilen seine eigenen Wege geht. Bereits werden Stimmen laut, die ganze Standortentwicklung sei unnötig. Anwohner in Bronschhofen wehren sich gegen den drohenden Mehrverkehr, während sie für die heute verkehrsgeplagten Anwohner an der Tonhallestrasse keinen Finger rühren. Und der Stadtrat weiss nichts Besseres, als die Mädchensekundarschule St.Katharina schliessen zu wollen und gleichzeitig vom Kloster St.Katharina das Land für die Grünaustrasse (Netzergänzung Ost) einzufordern. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Völlig neue Betriebe denkbar

Über die Chancen von Wil West wird indes kaum gesprochen. Überhaupt scheint das Interesse an Wil West in der Gesellschaft (noch) gering. Dabei eröffnet es völlig neue Perspektiven. Viele Berufstätige müssten nicht mehr nach Zürich oder St.Gallen pendeln, junge Hochschulabsolventen können nach dem Studium zurückkehren, weil sie hier, ebenso wie gut ausgebildete Berufsleute, attraktive Arbeitsplätze finden. Neue Branchen können sich ansiedeln, zum Beispiel Entwickler von vegetarischen und veganen Lebensmitteln, die nicht mehr bloss eine Kopie von Fleischprodukten sind. Bereits heute gibt es in der Region Wil einen bedeutenden Lebensmittelcluster in der Fleischwirtschaft. Der abnehmende Fleischkonsum könnte mit veganen Neuentwicklungen aufgefangen werden. Ebenso bedeutend aber ist, dass sich hier Unternehmen ansiedeln können, deren Tätigkeit und Bedürfnisse noch gar nicht bekannt sind. Einer aktuellen Studie zufolge werden 65 Prozent der diesen Sommer in die Primarschule eintretenden Kinder später einen Beruf erlernen, den es heute noch gar nicht gibt. Genau diese Unternehmen soll es nach Wil West ziehen.

Offener Geist und Kompromissbereitschaft

Das bedeutet aber einen offenen Geist, Zukunftsglauben und Kompromissbereitschaft – weil jede Medaille zwei Seiten hat. Um es mit den Worten von Albert Einstein zu sagen: «Wenn Sie so denken, wie Sie immer gedacht haben, werden Sie so handeln, wie Sie immer gehandelt haben. Wenn Sie so handeln, wie Sie immer gehandelt haben, werden Sie das bewirken, was Sie immer bewirkt haben.»

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