Bronschhofen
«Keine Person kommt in die Schweiz, weil es ihr Traum ist, Sozialhilfe zu beziehen»: Rita Kobler Emiko will Familien bei der Integration unterstützen

Rita Kobler Emiko kam vor 20 Jahren von Nigeria in die Schweiz und weiss, wie gross die Hürden sind, sich hier zurechtzufinden. Mit der interkulturellen Plattform Migrantenfachstelle möchte die Migrationsfachfrau einen Teil zur gelungenen Integration beitragen. Davon könnten alle profitieren, ist sie überzeugt.

Gianni Amstutz
Merken
Drucken
Teilen
Rita Kobler Emiko (links) möchte mit ihrem Team einen Beitrag zur erfolgreichen Integration von Familien leisten.

Rita Kobler Emiko (links) möchte mit ihrem Team einen Beitrag zur erfolgreichen Integration von Familien leisten.

Bild: PD

«Diese Menschen bringen so viel Potenzial mit, es wäre wirklich schade, wenn es ungenutzt bliebe.» Wenn Rita Kobler Emiko von ihrem Integrationsprojekt spricht, ist sie Feuer und Flamme. Nicht alle Menschen mit Migrationshintergrund hätten so viel Glück gehabt wie sie, sagt die gebürtige Nigerianerin.

Damit meint sie die Unterstützung, die sie von ihrem Mann, ihrer Schwiegermutter und einer Kollegin erhalten hat, als sie vor 20 Jahren in die Schweiz kam. Ohne die Hilfe von Einheimischen sei es extrem schwierig, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Doch genau das müsse das Ziel sein: Die Menschen sollen hier leben – und nicht bloss existieren.»

Die Sprachbarriere sei dabei nur ein Faktor, den es für Migrantinnen und Migranten zu überwinden gelte. Weitaus grösser seien kulturelle Hürden, weiss Rita Kobler Emiko. Solche abzubauen, diesem Ziel hat sie sich verschrieben.

Kein Ersatz für die Spielgruppe

Dazu hat Rita Kobler Emiko die interkulturelle Plattform Migrantenfachstelle gegründet. Neben Übersetzungs- und Beratungsdiensten ist mit dem Kids Park kürzlich ein weiteres Angebot hinzugekommen. Dafür hat sich die Migrantenfachstelle unterhalb des «Panetariums» in Bornschhofen eingemietet.

In Eigenregie wurde der Kellerraum zu einem Spielparadies für Kinder umgebaut. Der Kids Park sei aber keine Spielgruppe im üblichen Sinn, auch wenn ebenfalls die Frühförderung von Kindern im Vorschulalter im Zentrum stehe, betont Kobler Emiko.

Der Kids Park

Der Kids Park findet jeweils am Montag und Dienstag von 8 Uhr bis 11 Uhr statt. Schweizer Familien, die sich gerne austauschen möchten, sind ab 10 Uhr willkommen. Viele Migrantenfamilien würden diesen direkten Kontakt sehr schätzen, sagt Rita Kobler Emiko.

Der Besuch des Kids Park ersetze aber weder den normalen Sprachkurs noch den Besuch einer Spielgruppe. Es sei ein Vorintegrationsschritt, eine Orientierungsphase, die der Migrantenfamilie helfen soll, Sicherheit zu gewinnen und offener auf die folgenden öffentlichen Angebote wie Spielgruppen und Sprachkurse eingehen zu können.

Die kulturellen Unterschiede erklären

Ein weiterer Unterschied zu einer Spielgruppe: Beim Kids Park werden auch die Eltern einbezogen. Sie sollen in Gesprächen mit dem schweizerischen Bildungssystem sowie mit weiteren kulturellen Unterschieden vertraut gemacht werden. Rita Kobler Emiko sagt dazu:

«Vieles, was für uns selbstverständlich scheint, muss man Familien, die aus einer anderen Kultur kommen, erst einmal erklären.»

Dabei kommen sogenannte Brückenbauerinnen und Brückenbauer zum Einsatz. Das sind Personen, die ebenfalls Migrationshintergrund haben und aus dem gleichen Land stammen. So können die Eltern ihre Fragen und Anliegen in der Muttersprache ausdrücken.

Das sei ein nicht zu unterschätzender Vorteil, sagt die ausgebildete Migrationsfachfrau. Denn das schaffe Vertrauen. Zudem hätten die Brückenbauerinnen und Brückenbauer den Integrationsprozess in die Schweiz bereits selbst erlebt und wüssten deshalb, welches die grössten Hürden für ihre Landsleute seien.

Neuzuzüger werden in Wil auch von der Integrationsstelle der Stadt zu einem Gespräch eingeladen. «Im Austausch mit den Behörden sind viele Migrantinnen und Migranten sehr zurückhaltend, trauen sich manchmal nicht, Fragen zu stellen», sagt Kobler Emiko. Dies auch, weil viele von ihnen mit den Behörden in ihren Heimatländern negative Erfahrungen gemacht hätten.

Zudem erreiche die Stadt nur einen Teil der Zugezogenen. Über das Netzwerk der Brückenbauer, welche Kontakte zu ihren Landsleuten pflegen und so aktiv auf Menschen, die Unterstützung benötigen, zugehen können, soll es der Migrantenfachstelle gelingen, mehr Leute anzusprechen.

Den Vorurteilen entgegenwirken

Rita Kobler Emiko betont, dass von den Angeboten der Migrantenfachstelle alle profitieren könnten. Den Familien werde die Integration erleichtert, die Kinder kommen besser vorbereitet in den Kindergarten, was es den Lehrkräften erleichtere, und die Gesellschaft profitiere davon, dass die Familien bessere Chancen auf eine berufliche Integration hätten. So würden sie Steuergelder ins System einzahlen, anstatt Sozialhilfegelder zu beziehen. Denn Rita Kobler ist überzeugt, dass jede zugewanderte Person der Schweiz mit ihren Fähigkeiten nützlich sein könne.

Das Stereotyp vom faulen Ausländer könne sie nicht bestätigen:

«Keine Person kommt in die Schweiz, weil es ihr Traum ist, Sozialhilfe zu beziehen.»

Manche seien einfach überfordert mit der Umstellung auf eine unbekannte Sprache und Kultur. Doch mit etwas Hilfe liessen sich diese Probleme überwinden.

Auf Spenden angewiesen

Finanziert wird der Kids Park bisher durch Spenden. Rita Kobler Emiko hofft allerdings, dass sich künftig auch die Gemeinden finanziell beteiligen. Denn sie legt Wert darauf, dass das Angebot professionell ist. Und die Fachkräfte müssen entlöhnt werden. Für die Migrationsfachfrau ist aber klar, dass sich eine solche Investition lohnen würde.

Für sie sei es eine Herzensangelegenheit. «Mit der Migrantenfachstelle will ich anderen Menschen die Unterstützung bieten, die mir durch mein Umfeld zuteilwurde. Ausserdem möchte ich in der Schweiz, die mir grossartige Möglichkeiten bot, meinen grösstmöglichen Beitrag zum Gemeinwohl leisten.»